Moin,
erstmal recht herzlichen Dank zu den genauen Ausführungen bezüglich der Zucht von Lucanus cervus. Ich bin kein Züchter und von daher, was die Zucht und ihre Möglichkeit betrifft sicherlich nicht "up to date". Ich habe immer nur hier und da läuten hören, dass die Japaner Lucanus cervus züchten, aber nie eine Antwort auf die Frage der Herkunft der Käfer erhalten. Meine Frage nach dieser Herkunft rührt aber daher, dass Lucanus cervus in Japan nicht vorkommt, sein Verbreitungsareal im Osten weit vorher endet und in so fern "japanische Lucanus cervus" (wie es immer so schön heißt) nicht existent wären und entsprechend möglicherweise der Gattung Lucanus angehört hätten, aber dann sicherlich nicht die Art Lucanus cervus. Es ist dann natürlich was vollkommen anderes, wenn die Japaner Lucanus cervus aus Europa (oder aus dem Verbreitungsareal) importiert haben und züchten. In so fern hat sich diese Frage für mich geklärt.
Zuchtparameter als solche kenne ich nicht. Ich weiß, dass in vielen Fällen Beetle Jelly zur Fütterung der Käfer verwendet wird (die Inhaltsstoffe von Beetle Jelly sind mir unbekannt), das Zuchtsubstrat selber befand sich aber in einer "grauen, nichts sagenden Masse". Auch hier mein Dank für die näheren Ausführungen, wobei mich interessieren würde, woher man fermentiertes Holz bekommt (habe ich irgendwo in Euren Beiträgen gelesen, kann es jetzt aber nicht mehr finden - bin zu doof), respektive natürlich was genau Kinshi ist und woraus "Substrat" (ich nehme an, es ist Zuchtsubstrat gemeint) besteht.
Was die herkunft der Lucanus cervus in japanischer Zucht betrifft, so muss ich gestehen, dass mich das weniger erschüttert. Zwar ist Lucanus cervus eine Art des Anhangs II der FFH-Richtlinien, jedoch muss man diese auch mit geteilter Ansicht betrachten (soll heißen, dass der Schutz der Individuen nur wenig Sinn macht und mehr der Biotopsschutz Sinn macht und dieser in dem Moment, wo finanzielle Interesse dahinter stehen auch heute noch keine Rolle spielt - man betrachte nur FFH-relevante Biotope, die dann doch umgepflügt werden, weil der Frankfurter Flughafen, die neue ICE-Trasse oder was auch immer eben doch nach zuviel Geld riechen). Davon abgesehen ist Lucanus cervus in Frankreich noch derart häufig vertreten (vor allem in Südfrankreich), dass ich mir um sowas keinen Kopf mehr mache. Die Japaner haben sie aus Frankreich, Deutschland und sonst woher. Und? Macht nichts, solange sie nicht zu tausenden aus der Natur entommen und nach Japan verfrachtet werden, was ja definitiv nicht der Fall ist.
Zu den Ausführungen von TOCHTERMANN: natürlich hat TOCHTERMANN versucht nach natürlichen Kriterien zu züchten (hier liegt der Grundfehler in meiner Einschätzung der ganzen Sache, denn aus der Unkenntnis der Zuchtmethoden der Käferzüchtergilde habe ich nicht bedacht, dass durchaus die Möglichkeit besteht, bei entsprechender Kenntnis, entsprechende Zuchtsubstrate herzustellen - und das, obwohl ich die verkürzte Zucht von Cossus cossus nicht nur kenne, sondern auch einmal selbst vor etlichen Jahren mit Erfolg ausprobiert habe - ich sollte mich schämen[das ich daran nicht gedacht habe]). Die natürlichen Bedingungen waren das Interesse, da es um die Erhaltung einer Art ging, deren Bestände immer massiver einbrechen, vor allem in Nord- und Mitteleuropa und die Ursachen hierfür nicht bekannt waren.
Ob und in wie fern TOCHTERMANN die zucht von Anfang bis zum Ende dokumentiert hat, entzieht sich leider auch meiner Kenntnis. Mir liegt der folgende Bericht aus der "Allgemeinen Forstzeitschrift"vor:
TOCHTERMANN, E. (1992): Das "Spessartmodell" heute, Neue biologische Fakten und Problematik der Hirschkäferförderung. - Allgemeine Forstzeitschrift, 47. Jahrgang, 6, S. 308-311
Dabei handelt es sich nicht um den verlinkten Bericht in diesem Thread, sondern um einen anderen Bericht. Ich gehe davon aus, dass der Verlag auch heute noch einzelne Exemplare lagernd hat und diese natürlich gerne verkauft. Ich bekam mein Heftchen auf Anfrage im Jahre 2003, also über 10 Jahre nach Erscheinen. Fragt mich aber nicht nach Daten des Verlages (also Telefonnummer etc.), da ich diese nicht mehr habe, sich diese aber sicherlich aus dem Net holen lassen. Wie dem auch sei, so hat TOCHTERMANN Lucanus cervus in sehr großen Populationen in Ungarn erforscht und natürlich nicht in Hinblick auf die Zucht der Käfer, sondern in Hinblick auf die nötigen Parameter in der freien Natur und in Hinblick darauf, was benötigt wird, damit ein Wald von Lucanus cervus wieder besiedelt wird oder die vorhandene Besiedlung gefördert und erhalten werden kann.
Die Entwicklungsdauer von 6 Jahren, die TOCHTERMANN angibt, ist "nur" ein Richtwert. Sie kann stark variieren und schwank zwischen 5 Jahren und nach manchen Autoren bis zu 8 Jahren, immer in abhängigkeit der biotischen und abiotischen Faktoren (in Nordeuropa wegen der kurzen Vegetationsperiode sicherlich eher 7 oder 8 Jahre, in Südeuropa, solange es nicht zu trocken ist, wegen der viel längeren Vegetationsperiode sicherlich eher 5 Jahre).
Viele Grüße
Klaas
(habe ich jetzt eigentlich alle Fragen beantwortet oder habe ich was vergessen/übersehen?)
P.S.: Werden die türkischen Lucanus cervus eigentlich tatsächlich so unglaublich groß? Ich kenne nur Angaben von bis zu 100 mm, habe aber bisher nie einen solchen zu sehen bekommen.