Zuerst die entomolyrische Begründung der preisgekrönten Lösung von Sphinx:
Zum Wettenstreit der schönen Namen
der Wissenschaft für neue Arten,
sind Actias' Denker nun geladen
und Preise reich der Sieger warten
Oh Musen ihr der Wissenschaft
Verleihet Atem meinen Sinnen
Behaucht im Geiste mich mit Kraft,
das Aerarium muss ich gewinnen
Wem schenk' ich nun den ersten Namen?
Actaeon oh Du armer Held,
Thymelicus nur hatt' Erbarmen
und trägt Dich bis in diese Welt.
Dir stell' ein Bruder ich zur Seite,
so bleibt Dein Unglück uns bewahrt,
er trägt das Bildnis Deiner Leiche
und mahnt uns vor dem Schicksalsschlag.
Doch Du Actaeonsfalter, flieg
als Zierde abgeleg'ner Haine,
wirst nicht alleine sein, denn sieh,
die Nymphe hold im Sonnenscheine:
Die Syrinx ist's, nicht nur als Wort,
von Phragmites gar neu erstanden,
im Röhricht lebt sie heimlich fort,
ein selt'ner Gast in unsren Landen.
Doch stellt im Schilf ihr nach noch heute,
nicht nur von Hunger heiß aus Liebe,
der Pan, (will ewig sie zur Beute),
Libelle nun, als Straf' der Triebe.
Solch ird'ner Laster fern in Lüften,
schwebt Himmelsstürmer hoch in Winden.
Und wenn wir nicht zu fliegen wüßten,
so würden wir ihn niemals finden.
Dort oben ist er nicht zu seh'n,
perlucidus auch drum geheißen,
die schneller nur durch Himmel gehen,
-- die Flieger --, ihn zur Erde reißen.
Doch ähnlich unsichtbar im Lichte,
lebt Sonnwendelf' in Luft versteckt.
Unmöglich, daß man ihn nur sichte,
der Flügel wolkenfarben deckt.
Fliegt er auch nur im Jahre dann,
wenn Sonne ihm das Zeichen gibt,
daß nun der Tag am meisten lang,
damit er uns im Dasein trügt.
Mit ihm kommt einst von einem Stamme,
der dunkel Bruder schwarz im Hemd.
Generationen zwei und lange
Zeit hat sie nur so getrennt.
Nun fliegt er uneins mit dem Elf,
wenn sicherlich er nicht erscheint,
wenn kurzer Tag und starre Kälte,
wenn Dunkelheit das Licht beweint.
So ist mit Düsterelf das Jahr durchlaufen,
Vom Wachstum bis zur Sonnenwende,
so soll man diese Falter taufen,
drum flehend hebe ich die Hände:
Musen Ihr, Euch lob ich Dank,
wenn Sieg ihr gebet meinem Werk,
Und was ich um die Namen rank',
gewinne mir den Wettbewerb!
Zur Erklärung dieses Gedichtes:
- Als ersten Falter habe ich mir Falter 20, bisher bekannt alsorganger Streifenfalter gewählt. Meiner Meinung nach kommt er klar aus der Familie der Dickkopffalter. Dort hat er auch einen farblich ähnlichen Verwandten. Thymelicus actaeon. Da aber ein Falter nicht genügt, um an die Geschichte dieses traurigen Namens und das an ihm begangene Unrecht zu erinnern, sollte dieser Falter Actaeonsfalter heißen. Er trägt ja auch auf den Flügeln klar erkennbar auf den Hinterflügeln den Rumpf des Actaeon, auf den Vorderflügeln sind Abgerissene Gliedmaßen zu sehen. Die Farbe drumherum entspricht em vergossenen Blut. Daher heißt er lateinisch Actaeon dilaceratus.
- Zum zweiten habe ich Falter 19 genauer untersucht, bisher fälschlicherweise als "Gemeiner Fleckenfalter" bekannt. Dieser Falter, er gehört zu den Satyriden, hat allerdings eine äußerst interessante Vorgeschichte, deren Erwähnung nicht unterlassen werden kann. Man muß hier das Raupenstadium betrachten. Die Raupe lebt nämlich außschließlich auf Phragmites-Arten. Sie hat dabei eine äußerst verborgene Lebensweise: sie beißt die Spitze eines Triebes ab, setzt sich nur mit dem Vorderleib auf dem abgebissenen Knotenstück fest und streckt den Hinterleib in die Höhe, so daß man gar nicht sieht, daß eine Raupe auf dem Rohr sitzt, sondern denkt, da wachse ein Trieb mit kräftiger Spitze in die Höhe. Die Raupe frißt sich allmählich nach unten, wobei natürlich der Hinterleib länger wird, so daß es immer aussieht, als würde ein Schilfrohr sprießen. Ganz besonders ist, daß die Larve bei Gefahr einen Pfeifton abgeben kann (so wie der Totenkopf als Falter), der dem Ton von im hohlen Rohr verfangenen Wind ähnelt.
Das hat der Art den deutschen Namen Rohrflöte und den Lateinischen Namen Syrinx fistulans eingebracht.
Natürlich hat der lateinischen Name mit der aus der Fabel bekannten, schönen Nymphe Syrinx zu tun, was insofern zutrifft, als daß der Falter eine schlichte, aber anmutige Schönheit ist. Diese Art wäre aber überhaupt nie entdeckt worden, wenn nicht im Jahre 1970 ein junger Rekrut der Bundeswehr bei seiner Ausbildung als Richtschütze auf dem Panzer in einer sumpfigen Gegend durch das Wärmebildgerät geblickt hätte. Er erkannte am Schilf plötzlich diese farblich anderen Spitzen. In einer Ausbildungspause sah er nach und machte die Entdeckung der Raupe. Es gelang ihm einige Raupen und Schilf in seinem Essgeschirr heimlich mitzunehmen und daheim bis zum Falter zu züchten. Überhaupt lässt sich der Falter nur so erlangen, Freilandexemplare wurden noch nie gefangen (nur abgenagte Körper wurden gefunden). Das mag erstens an der Lebensweise im schwer zugänglichen Schilf liegen, zweitens an der sehr kurzen Lebenszeit, die dem Tier beschieden ist. Die wiederum lässt sich auf das dritte Tier zurückführen:
- Das dritte Tier, auch unter dem nichtssagenden Namen 02 "Gemeine Goldwelle" bekannt, ist eine Libellenart die es auf die Rohrflöte abgesehen hat. Es wurde aber erst nach der Syrinx entdeckt, und da es ausschließlich Syrinx fistulans jagt, wurde es nach dem Wesen benannt, das auch in der Fabel die Syrinx jagt. Pan. So heißt die Art Panslibelle, lateinisch: Pan premeSyringa (Zu Deutsch: Pan verfolge/beschlafe die Syrinx). Dieser Name hat einen mindestens doppeldeutigen Sinn. Nun heißt premere ja zum einen bedrängen nachsetzen, verfolgen, aber unter anderem auch "bespringen, schänden, beschlafen" (So sieht es nämlich fast aus, wenn eine Panslibelle eine Syrinx fistulans fängt) . Welcher Wortsinn dem Namensgeber vorschwebte ist unbekannt. Wie man es nun sieht, so jagt Pan nach über 2000 Jahren der Syrinx immer noch hinterher oder er hat endlich sein schon damals ersehntes Ziel erreicht.
- Ganz fern von diesen Geschehnissen lebt der „Blaue Himmelsstürmer (Caelicola perlucidus)". Seine „zweite“ Entdeckung verdankt dieser Falter grotesker Weise der Geschichtswissenschaft. Kein anderer als Guido Knopp nämlich ist auf seine Spuren gestoßen. In seinem neuesten Projekt will Herr Knopp sich dem „Kalten Krieg“ widmen und dabei hat er ein geheimes Dokument der sowjetischen Luftwaffe gefunden, das er freundlicherweise sofort an Entomologen weitergeleitet hat:
In den siebziger Jahren führte die Sowjetluftwaffe Höhenversuchsflüge mit dem Flugzeug Typ MiG 25, genauer der Experimentalversion E-266 durch. Die Rekordpiloten A. Fedotow und Swetlana Sawizkaja berichteten unabhängig voneinander, daß oberhalb von 20000 m Insekten oder ähnliches, so gut wie nicht sichtbar, gegen die Kanzel schlugen. Untersuchungen der Reste am Boden zeigten, daß es sich tatsächlich um einen Schmetterling handelte, fast durchsichtig bis bläulich gefärbt.
Die CCCP ordnete sofort strengste Geheimhaltung an, denn sie wollte die Fähigkeiten des Lebewesens – fast unsichtbar und für große Höhen geeignet – erforschen und in Technik umsetzen. Dies ist bis heute zwar nicht gelungen, dafür hat der Zusammenbruch der UdSSR und die Korruption uns nun die „zweite“ Entdeckung dieser Art beschert. Über die Larvalstadien der Art ist noch nichts bekannt, aufgrund der Lebensweise der Imagines über 20000 m Höhe und ihrer Eigenschaft, kaum sichtbar zu sein, wurde die Art jedoch „Caelicola perlucidus“ getauft, der deutsche Name ist „Blauer Himmelsstürmer“ . Noch ist unklar welcher Gattung der Falter zuzuordnen ist.
- Eine ähnlich „luftige“ Lebensweise führen die nächsten beiden Falter, die ursprünglich aus ein und der selben Art stammen, die aber in zwei Generationen lebte, sowie dies heutzutage zum Beispiel Cosmotriche lunigera tut. Aber das längere Bestehen dieser Art hat über den langen Zeitraum dazu geführt, daß sich zwei verschiedene Arten entwickelt haben, fast schon Antagonisten, beide zwei absolute Spezialisten in ihrer Lebensweise. Sie gehören zu den Nymphaliden und leben beide in den Alpen. Die Raupen beider Arten leben unterirdisch an den Wurzeln von Loiseleuria procumbens, der Alpenazalee. Die Puppen hingegen sind knapp an der Erdoberfläche, damit das Licht sie erreichen kann, denn beide Arten schlüpfen photoperiodisch gesteuert.
Die erste Art, deutsch heißt sie Sonnenwendelf, schlüpft erst, wenn das Sonnenlicht am längsten ist, also nur während einiger weniger Tage um die Sommersonnenwende. Das ist für sie und ihre langen Suchflüge überlebensnotwendig, denn es ist eine extreme „Low-density-species“, die aber aufgrund der zahlreichen Gipfel in den Alpen keine Gipfelbalz betreiben kann ( der Falter würde durch die schiere Auswahl an Gipfeln vollständig verwirrt werden). Auf den ausgedehnten Suchflügen ist der Falter durch seine Farbgebung bestens getarnt: die grauen Zackenmuster auf weißem Untergrund und der schimmernde Blaueinschluß im Forderflügel tarnen sowohl hoch in der Luft als auch über den kalkigen Felsen und den Gletschern. (Die Muster haben der Art auch den Nebennamen Geometrischer Rivolifalter eingebracht). Die Art ist so gut getarnt, daß im Freiland bisher nur nach Eiablage auf der Futterpflanze verendete Weibchen gefunden wurden, Männchen konnte im Freiland noch niemand erblicken (nur durch Zucht nachgewiesen).Der Schlupftermin und diese Eigenschaft haben dem Sonnenwendelf den lateinischen Namen Solstitio menondispicies (= An der Sonnenwende wirst Du mich nicht zu Gesicht bekommen, aus me-non-dispicies) eingebracht.
- Die dunkle Schwesterart, durch eine Verwechslung auch als Violetter Blütenfalter bezeichnet, ist, obwohl Nymphalide, lichtscheu und nachtaktiv. Sie schlüpft genau dann, wenn die Tage am kürzesten sind, also um die Wintersonnenwende. Zusätzliche Bedingung beim Schlupf ist Schneefall, findet dieser nicht statt, kann die Puppe jahrelang überliegen, bis die Bedingungen passen. (Liegt breits eine Schneedecke, arbeitet sich die Puppe fast bis zur Schneeoberfläche vor, falls der Schlupf aber aufgrund unpassender Bedingungen nicht erfolg ist, wühlt sich die Puppe sogar wieder zurück!).
Die Färbung schützt in der Dunkelheit, die hellen Zeichnungen im Flügelinneren ahmen Schneeflocken perfekt nach, so daß der Falter in der Dunkelheit bei Schneefall in keiner Art und Weise entdeckt werden kann. Das Licht meidet er ohnehin wie der Teufel das Weihwasser.
Sein Schlupftermin hat ihm den lateinischen Namen „Solstitio brumae“ (An der Sonnenwende des Winters [brum: ethymolog. aus *brevuma/brevima + gedachtes dies]) gegeben, sein Erscheinungsbild den deutschen Namen „Düsterelf".
Diese Art wurde zum einen entdeckt, als Entomologen nach Raupen des „Sonnwendelfen“ gruben und des weiteren gelang ein einziger Freilandfund als kurz vor der Wintersonnenwende Bergsteiger noch bei Tageslicht Falter fanden, die während einer Sonnenfinsternis und leichtem Schneefall, durch dieses Ereignis getäuscht, ausschlüpften.
In all diese Dunkelheiten der Namensgebung und Lebensweise der Tiere hoffe ich nun einiges Licht gebracht zu haben.
Und denkt daran, ich schreibe das am 1. April!
Viele Grüße,
Werner