Schmetterlingssammler - Teil I

  • Hallo zusammen!


    Hier spricht, wie man unschwer an meinem Benutzernamen sehen kann, Sven aus Kassel. Und säße ich jetzt zusammen mit anderen auf Stühlen in einem Kreis würde ich sagen: „… und ich sammle Schmetterlinge.“ Die Reaktionen wären wahrscheinlich sehr unterschiedlich….

    Im Folgenden möchte ich erzählen. Ich folge dabei einem spontanen Impuls. Gleich vorweg möchte ich eines sagen…


    Disclaimer I: dieser Artikel wird wahrscheinlich einige Antworten nach sich ziehen, doch steht mir nicht der Sinn danach, mich für irgendetwas zu rechtfertigen. Ich möchte auch nicht diskutieren. Nicht, weil ich nicht prinzipiell dazu nicht bereit wäre, sondern weil ich Diskussionen im Internet für wenig fruchtbar halte. Fast immer endet das in einem Desaster aus Meinungsgefechten, Beschimpfungen, Rechthabereien etc. Das ist nervtötend, bringt niemanden weiter und frisst unglaublich viel Zeit, die mir dafür zu Schade ist. Hingegen viel interessanter finde ich es, den Erzählungen anderer zu lauschen, ohne das zu bewerten oder zu kommentieren. In diesem Sinne gebe ich hier eine Vorlage, bitte darum, es in keiner Weise persönlich zu nehmen, wenn ich auf Antworten nicht weiter reagiere und würde mich stattdessen sehr darüber freuen, von Euch zu lesen, warum Ihr Euch für Schmetterlinge interessiert.



    Disclaimer II: Alles, was ich tue, ist legal. Ich habe eine Genehmigung dafür.




    Das Handwerk




    Ich habe mit dem Schmetterlingesammeln angefangen, da war ich sieben. Schuld daran war ein neu hinzugestoßenes Familienmitglied. Mein erster Kescher bestand aus einer Holzleiste mit einer Plastiktüte. Mein erster Fang war ein Hauhechel-Bläuling auf dem Hof. Sehr früh zeigte ich außerordentliches Geschick im Präparieren von Faltern. Diese standen den Präparaten von Erwachsenen in nichts nach. Eher im Gegenteil (damals brauchte ich auch noch keine Lupenbrille). Präparationswerkzeuge dabei waren eine Steckplatte aus Styropor, Stecknadeln und Streifen aus handelsüblichem Druckerpapier. Ich entwickelte dabei meine eigenen Techniken, auf die ich noch heute bei dem ein oder anderen schwer zu präparierenden Falter zurückgreife. Auch ich stach nicht einfach in die Flügel. Ich zog sie aber auch nicht. Ich hebelte sie, sodass regelmäßig ein Teil des Flügels am Hebelpunkt umklappte. Dann fixierte ich mit einem Hilfsstreifen den Flügel am Apex, zog den Hebel (eine Stecknadel) zurück, sodass der Flügel wieder zurückklappte, fixierte den Flügel mit einem Streifen und entfernte dann wieder den Hilfsstreifen. Zugute kam mir dabei die raue Oberfläche von Styropor, auf der die Flügel bei weitem nicht so leicht rutschen wie auf Spannbrettern aus Holz. Bei einem so genadelten Braunem Bär zählte ich beispielsweise abschließend über 40 Stecknadeln und ein Dutzend Papierstreifen, die ich oft den Erfordernissen entsprechend zurecht schnitt, ein Schnipselwerk aus verschiedensten geometrischen Formen. „Hier“, und er blickte im Stuhlkreis zu den anderen Teilnehmern auf, nachdem er vorher in Erinnerung verloren auf den Boden geblickt hatte, “ist dann auch der erste Grund dafür zu suchen, warum ich Schmetterlinge sammele.“... Denn ich mag dieses Handwerk. Kleine, frickelige Dinge, denen man mit äußerster Behutsamkeit, Geschick und Geduld zu Leibe rücken muss. Die Konzentration dabei, die zen-meditativ anmutet. Die Präzision, die man an den Tag legen muss, um den eigenen Ansprüchen an Perfektion gerecht zu werden. Das Gefühl des Gelingens, wenn man es geschafft hat, etwa Dickkopffalter, kleinste Falter oder andere schwierige Kandidaten erfolgreich gespannt zu haben – manchmal erleichternd schnaufend, als hätte man schwerarbeit geleistet.


    „Danke, dass du diese Erfahrung mit uns geteilt hast, Sven“, sagte der hagere, in dunkelgrünem Pulli und mit hellbrauner Cordhose gekleidete Mann, auf dessen Nase eine kleine, runde Brille saß. „Möchtest du uns noch mehr erzählen oder ist das Handwerk der einzige Grund für dein Hobby?“…




    Die Jagd




    Nein, natürlich nicht. Dann hätte ich auch Uhrmacher werden können (eine ebenso aussterbende Spezies wie die der Schmetterlingssammler). Doch Geschick braucht man nicht nur beim Präparieren. Man braucht es auch auf der Jagd. Wie wohl jeder weiß, der schon einmal nach drei, vier Fehlschlägen und einem 200 m Sprint endlich den eleganten, gewandten Flieger im Kescher hatte. Oder ihn hat in den Baumwipfeln verschwinden sehen. Ob es jetzt das biologische Erbe der Evolution ist, projizierte Todessehnsucht, schlichter Hunger oder einfach eine, vorwiegend männliche, Macke, gepaart Großwildjägerwahn… Es geht nichts über eine gute Jagd (diese bezieht sich bei mir allerdings nur auf Flatterhaftes. Ansonsten bin ich Vegetarier)! Erspähen, Auf-der-Lauer-Liegen, Ranpirschen, im richtigen Moment zuschlagen (bloß nicht drüber nachdenken!) und – wenn man noch kann – dabei alle sonstigen Hindernisse beflissentlich ignorieren (wozu auch moralisierende Sonntagsausflügler zählen): das sind die großen Momente einer erfüllten und erfüllenden Jagd – selbst, wenn man daneben haut. Ebenso das „Schmetterlingeangeln“ bei Nacht. Das Warten. Die Ruhe. Das beschauliche Flackern der UV-Lampe, dessen Licht sich wie eine Raupe vorwärtsnagend an der Netzhaut zu schaffen macht oder das romantische Rauschen einer guten, alten Petromax (mit der Ruhe ist es dann allerdings vorbei). Auch das ist Jagd. Das stille, geduldige Warten, das Fallenstellen und gelegentliche Überprüfen, ob was ans (und nicht ins) Netz, in die Falle gegangen ist. Beides – die Bewegung und das Geschick der aktiven Jagd und das stille, passive Verharren der Dinge, die da geflogen kommen – ist etwas, das mich glücklich macht. Und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen beidem führt ganz nebenbei zu einer guten Figur.




    Abenteuerlust




    Dem Jagdfieber verwandt sind die kleinen und großen Abenteuer, die sich Exkursionen, ebenfalls kleinen und großen, gelegentlich anschließen. Wenn ich der Wildsau mit ihren Frischlingen mitten im Wald gedenke – mein Hund instinktsicher hinter einem umgefallenen Baumstamm sich versteckend, ich 20 Minuten lang reglos daneben stehend… oder daran, wie ich mit schwerem Gepäck in einer tropischen Nacht in einem europäischen Wald für Stunden völlig orientierungslos auf der Suche nach dem Auto durch den Wald irrte, während die Trinkwasservorräte sich dem Ende entgegen neigten und wir vom Berg ins Tal latschen mussten, dann Kilometer entlang an der Landstraße und dann wieder den ganzen Berg rauf, damit ich und meine schon ins Alter gekommene Hündin wieder zum Parkplatz zurück fanden – ja, dann habe ich was zu erzählen und erinnert mich jeder Falter dieser Nacht an dieses strapaziöse Abenteuer. Aber auch, wenn ich daran denke, wie ich als Kind meine US-Army-Tasche packte, über Mauern kletterte, in Kellern mit der Taschenlampe forschte und mich durch zahlreiche Brennnesselbestände schlug und Brombeerstrünke kämpfte, packt mich noch heute die Abenteuerlust und die Vorfreude bei den Exkursionsvorbereitungen auf die bevorstehenden Erlebnisse. Exkursionen gleichen kleinen Expeditionen. Und diese wollen gut vorbereitet sein, nichts darf dem Vergessen anheimgestellt bleiben, alles will durchdacht und geplant sein, damit man dem Restrisok, dem Unwägbaren und Unwegbaren unerschrocken gegenüber treten kann (statt sich zu verirren z.Bsp.). Auch das bildet einen unentbehrlichen Aspekt meiner Sammelleidenschaft: Die Planung einer Exkursion, ihre Durchführung sowie die Abenteuer und Erlebnisse, die das mit sich bringen mag.




    Fortsetzung siehe Teil II

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  • Schmetterlingssammler - Teil II


    Erinnerungen




    Übergeordnet ließe sich sagen, dass ich nicht nur Schmetterlinge sammele, sondern auch Erfahrungen, Erlebnisse, Erinnerungen. Das Exemplar in meinem Kasten legt also nicht nur Zeugnis darüber ab, welche Arten in einem Gebiet vorkommen und welche Rückschlüsse sich dabei auf das gesamte Ökosystem ziehen lassen – nein, es ist auch ein Beweisstück, das belegt, dass das, was ich erlebt habe, real gewesen ist. Es sind in Schaukästen gebannte Erinnerungen. Wenn ich mir diese anschaue, dann tue ich das nicht nur mit wissenschaftlichem Interesse oder um mich an der Schönheit der Natur zu erfreuen, sondern auch um in Erinnerungen zu schwelgen. Damit bin ich auch niemand, der importierte Falter in seiner Sammlung hat oder solche auf Börsen erwirbt. Es klingt altbacken und sentimental. Ist es vielleicht auch. Aber jeder meiner Falter erzählt eine Geschichte, und das finde ich unglaublich schön.




    Naturerfahrungen




    Ich bin ein Mensch, der seine Zeit am liebsten in der Natur verbringt – ob mit oder ohne Kescher. Tatsache ist, dass jenes eingangs erwähnte Familienmitglied mir durch dieses Hobby die Natur nahe gebracht hat wie kein anderer. Es (er) hat mich gelehrt, respektvoll mit der Natur umzugehen. Ihr nur das zu entnehmen, was ich (für meine Sammlung) brauche. Das hat dazu geführt, dass ich die Natur zu schätzen gelernt habe. Nicht nur als schützenswertes Gut, sondern als etwas Großes, von dem ich ein Teil bin, etwas, zu dem ich gehöre und ohne das ich nicht sein kann. Natur ist meine re-ligio, meine Rückbindung an das, woher ich auch immer komme, und zwar in lebendige, spürbare und sinnlich erfahrbare Wirklichkeit und Anschauuung gebracht. Nichts Theoretisches. Nichts Objekthaftes, dem ich mit dem Seziermesser zu Leibe rücke, um es besser zu verstehen. Ich glaube, das zwischen bestimmten Anglern und Schmetterlingssammlern eine gewisse Seelenverwandtschaft besteht: beiden geht es auch um die Naturerfahrung, nicht nur um die Beute (um Mägen, Kästen oder Hirne zu füllen)…



    Nun war es aus mit der Ruhe und dem gegenseitigen Zuhören im Stuhlkreis. Eine brüllte sofort los: „Du willst uns hier was von Respekt und so erzählen und dann tötest du sie aber, du brutales, verlogenes Schwein!“ Ein anderer rümpfte ordentlich die Nase und brummelte sich etwas von „Errungenschaften der Wissenschaft“ in den Bart, an dessen Resten vom Frühstücksei ganze Generationen von Wissenschaftlern ihr Tun gehabt hätten. Ein dritter schüttelte nur ungläubig den Kopf und begann aus irgendeiner Ode zu zitieren, während ein vierter überlegte, ob sich mit Motten nicht auch ein lukratives Import/Exportgeschäft betreiben ließe… ein paar schlecht bezahlte Indianer, ein begehrtes, verbotenes Sammlerexemplar, ein verbohrter, verschrobener, zahlungskräftiger Kunde


    Sven ignorierte das alles und erzählte weiter….




    Wissenschaftlichkeit...




    ... und nicht Wissenschaft ist mir dabei primär wichtig. Es gefällt mir zu ordnen, zu sortieren, zu bestimmen und alles gewissenhaft mit Etiketten zu versehen, auf denen die Funddaten festgehalten sind. Hierbei gehe ich sehr akribisch vor, sodass meine Sammlungen als echte Belegsammlung taugt, die sich für wissenschaftliche Zwecke weiter verwenden lässt. Ich selber verstehe nicht so viel von Schmetterlingen wie viele andere hier. Vieles daran hat mich einfach nie so brennend interessiert. Dennoch war es mir von Kindesbeinen an wichtig, eine Sammlung nach den Maßstäben der Wissenschaft anzulegen. Ich glaube, dass der Mensch irgendein tiefsitzendes Verlangen ins sich hat, zu ordnen, zu systematisieren und zu bestimmen. Wahrscheinlich, weil Orientierung sehr wichtig ist in einer Welt, die einen sonst mit ihrer Vielfalt in Grund und Boden hauen (oder kauen) kann. Auch hier finde ich es zweitrangig, ob man dies nun evolutionsbiologisch ausdeutet, psychologisch, philosophisch oder sonst wie. Davon unberührt bleibt das faktische Vorhandensein eines tieferen Verlangens nach Herstellung von Ordnung, was mich ebenso befriedigt wie die Jagd oder die anderen angesprochenen Punkte. Die wissenschaftliche Methodik ist hierbei ein geeignetes Mittel. Es mag andere geben. Doch in der wissenschaftlichen Systematik findet man ein von Generationen hervorgebrachtes und durchdachtes Gemeinschaftswerk, wo man sich als „Hobbyist“ nur noch einzuklinken braucht und seine Daten der Wissenschaft zu Verfügung stellen kann. Diese kann dann die Daten dazu nutzen kann, um Natur zu schützen, zu erhalten oder manchmal sogar wieder zu heilen. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich nur um des Sammeln willen sammeln würde. Wenn es mir nur um das Habenwollen gehen würde. Wenn ich schon der Natur etwas für meine persönlichen Bedürfnisse entnehme, dann möchte ich ihr dafür und davon so viel wie möglich zurückgeben. Dazu brauche ich eigentlich auch keinen „Ehrenkodex“, den ich lesen und abzeichnen muss, um eine Genehmigung zu erhalten. Das erledigt mein Gewissen…




    Fortsetzung siehe Teil III

  • Schmetterlingssammler - Teil III


    Sammeln




    Die glücklichsten Menschen seien Sammler, habe ich mal gehört. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber in erster Linie bin ich ein Schmetterlingssammler, und das jedenfalls stimmt. Allein, Sammeln und Jagen gehören ja irgendwie zusammen. Auch sammeln ist erbeuten. Auch wenn man dabei nicht so sehr an junge muskulöse Männer mit Speeren in der Hand denken muss. Der Sammeltrieb in mir ist ohne Frage recht ausgeprägt. Und wie wohl fast jeder Sammler lege ich nicht nur Wert auf Ordnung und Systematik, sondern auch auf eine gewisse Vollständigkeit. Wobei das einschränkende Wörtchen „gewisse“ nicht ohne Grund hier steht. Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann müsste es eigentlich bei jedem Sammler so sein, dass die Vollständigkeit einer Sammlung nicht das höchste Ziel sein kann. Denn dann hätte es sich ja ausgesammelt. Die Vollständigkeit meiner Sammlung jedenfalls ist ein Ideal, das die Richtung vorgibt, in die sie strebt. Sie ist nicht Selbstzweck. Sie erhält für mich ihren Sinn dadurch ähnlich wie der Mensch nach Vervollkommnung strebt. Ist das Ziel erreicht, ist die Reise vorbei. Der Weg ist das Ziel. In diese Richtung meine ich das. Dieses Ziel, dieses Ideal spornt mich also an weiterzumachen, auch wenn das meiste schon erreicht ist. C-Falter? Ach wie öde, den hab ich schon? Im letzten Jahr ist mir eine Aberration auf den Fuß geflogen (und anschließend ins Netz). Ein echtes Highlight! Es gibt immer was Neues. Bei mir führt das Streben nach Vollständigkeit in meiner Sammlung also nicht „zur Jagd um jeden Preis“. Und sei es in den Dschungel einer Insektenbörse. Ich urteile darüber nicht. Nur bei mir ist es eben nicht so. Ich freue mich über jede weitere Art, die ich in meiner Region entdecke und anschließend in meine Sammlung einfügen kann. Und damit nähere ich mich einem weiteren, wichtig Punkt, der mich ein leidenschaftlicher Schmetterlingssammler sein lässt.




    Heimatkunde




    Zumindest bisher sammele ich nur Belegstücke aus der Region, der ich entstamme, in der ich groß geworden bin und in der ich wahrscheinlich einst auch begraben werde. Mehr als einmal hat man mir angeboten, mir eine exotische Schönheit aus fernen Landen mitzubringen. Immer habe ich abgelehnt. Noch nicht mal Mitgebrachtes aus der eigenen Region nehme ich an: ich will es selber fangen, selber dabei gewesen sein (Stichwort: Erinnerungen). Je vollständiger meine Sammlung also wird, umso mehr wird sie zum getreuen Abbild der Vielfalt meiner Heimatregion. Und das finde ich überaus spannend! Eine einfache, häßliche Eule kann mich so mehr beeindrucken als die tropische Diva. So bin ich. Ich liebe es, durch meine Heimatregion zu streifen und zu entdecken, was es alles vor meiner Haustür gibt. Ich muss nicht mehr nach den Sternen greifen, wo sie doch nachts an mein Licht fliegen. Ich bin viel und genug gereist in meinem Leben. Und wenn ich es einmal wieder tue, ja, dann kann und will natürlich auch ich es nicht ausschließen, dass ich mir auch von dort etwas mitbringe (wieder Stichwort: Erinnerung). Aber ich werde keine Reisen ins Ausland unternehmen, nur um dort meiner Sammelleidenschaft zu frönen. Gut möglich, dass sich irgendwann der Radius dessen erweitern wird, was ich unter „Heimatregion“ verstehe, aber davon bin ich noch einige Insektennadeln entfernt. Ich betreibe mit meinem Hobby also auch Heimatkunde, und das wiederum durchaus mit einem gewissen wissenschaftlichen Interesse, das mich meiner Heimat näher fühlen lässt.




    Last but not least




    Nachdem sich die Gruppe mittlerweile beruhigt und alle wieder zugehört hatten, schien Sven mit seiner Erzählung nun am Ende zu sein. Doch dann beugte sich der hagere Mann in grünem Pulli und hellbrauner Cordhose nach vorne, blickte über seine Nickelbrille hinweg und sagte in die Stille hinein: „Nun, Sven, danke, dass du uns an deinen Gedanken und Gefühlen hast teilhaben lassen. Aber meine Erfahrung als Therapeut sagt mir, dass da noch etwas fehlt, dass du etwas vergessen hast…. Etwas Zentrales… Gewissermaßen das Herzstück…“




    „Ja, natürlich“, sagte ich. Doch ich scheute mich ein wenig, damit rauszurücken. Schließlich war es das privateste, das persönlichste, das, wo man sich am verletzlichsten zeigte und damit am meisten angreifbar machte… Doch es ist zugleich auch das, was ich am wenigsten in Worte fassen kann. Vielleicht auch das, was Worte am ehesten zerstören können. Es ist die Faszination, die der Schmetterling auf mich ausübt. Und was dieses Hobby für mich in seinem vielleicht tiefsten Sinn bedeutet…




    Wenn ich meinen Eltern glauben darf, dann war „Schmetterling“ das erste Wort, das ich laut aussprach. Natürlich hatte ich dafür mein eigenes Wort. Es lautete: „Mötschtötschö“. Immer wieder sagte ich, im Garten im Kinderwagen sitzend, dieses Wort und brachte meine Eltern fast an den Rand des Wahnsinns, wie es wohl alle Eltern kennen, wenn das eigene Kind definitiv ganz konkret etwas meint, man selber aber nicht die geringste Ahnung dabei hat, was gemeint sein könnte. Sie reichten mir eine Süßigkeit – „Mötschtötschööööö!“. Sie reichten mit Matsch – „Mötschtötschööööö!“. Undsoweiter undsomötschtötschö. Bis ein Schmetterling an mir vorüber flog, ich darauf zeigte und befriedigt und beruhigt „Mö-tschtö-tsche“ sagte. Wie gesagt erlernte ich dieses Sammlerhandwerk von der Pike auf und im frühesten Kindesalter. Schmetterlinge faszinierten mich. Schon immer. Später, irgendwann im fortgeschrittenen Grundschulalter, entdeckte ich für mich das Wunder der Metamorphose. Schon damals erschien mir dies wie eine Metapher für das menschliche Leben: wir werden geboren (schlüpfen aus dem Ei), kriechen durchs Leben (Raupe), fressen uns gewissermaßen da durch (manche werden auch dicker dabei, andere reicher) und durchlaufen verschiedene Lebens- und Entwicklungsphasen (verschiedene L-Stadien), dann sterben wir (langer Schlaf/Puppe) und erwachen als Seele, geläutert und schön, die sich auf Flügeln gen Himmel erhebt. Poetisch? Kitschig? Keine Ahnung. Für mich eine Metapher. Und ebenfalls für mich, der ich schon damals nicht an den Tod als endgültiges Ende glaubte, offenbarte sich in dieser Metapher noch ein zweites Mysterium: Wenn wir auf der einen Seite einschlafen, erwachen wir auf der anderen. Ob wir also sterben oder geboren werden, ist - zumindest wenn man dieser Sichtweise folgt - keine Frage der Faktizität, sondern eine Frage der Perspektive. Das war für mich bis zum heutigen Tage sehr lehrreich. Und damit möchte ich es auch langsam bewenden lassen. Einen Punkt bin ich dabei schuldig geblieben, nämlich worin der vielleicht tiefste Sinn dieses Hobbies für mich liegt. Doch ich habe beschlossen, diesen für mich zu behalten. Den abschließenden möchte ich jedoch nicht unter den Tisch fallen lassen:




    Die Schönheit und Vielfalt der Schmetterlinge lässt mich immer wieder nur staunen. Und es ist diese Schönheit, der ich einfach nicht widerstehen kann.




    Ich heiße Sven. Und ich sammele Schmetterlinge.


    Danke für's Zuhören.

  • Lieber Sven, Lieber Manfred, ähnlich war es in den Anfangsphasen meiner Sammelleidenschaft. Mit 22 Jahren Spezialisierte ich mich auf tropische Arten und das waren meine drei Reisen nach Madagaskar (mit 20, 22 und 24 Jahren)der Grundstock meiner ersten Sphingidae Sammlung die 1986 begann. Anfangs sammelte ich nur die Tiere die ich selber sammelte- so wie Du. Später Kaufte ich Falter und tausche mit Gleichgesinnten. Ansonsten habe wir viel gemeinsam. Du sprichst mir aus der Seele. Auch ich diskutierte später nicht mehr wenn ich Falter getötet habe. Jeder Falter auch wenn ich zukaufe kann Geschichten erzählen man muss es nur zulassen kann.

    Grüße Michi

  • Lieber Sven, liebe Mitlesenden,



    ich bin einfach sprachlos. Ich versuche nun zum X-ten Mal eine passende Antwort zu verfassen, was mir aber leider nicht gelingt.

    Deine (bzw. eure) Begeisterung und Leidenschaft ist so unheimlich inspirierend und faszinierend.


    Ich stehe noch ganz weit am Anfang und weiß nicht wo mein Weg hinführt.



    Ich wünsche euch allen nur das Beste!



    Dominik

  • Lieber Dominik, Lieber Sven,


    vielleicht spezialisierst Du Dich eines Tages wie Manfred auf Lasocampidae oder wie ich auf tropische Sphingidae. Nach 20 Jahren Sammelleidenschaft im Jahr 2004 verkaufte ich meine erste Sammlung an Jean Marie CAdiou - heute seit 2010 ist diese Sammlung im Natural History Museum in London.


    In jungen Jahren wollte ich mein Hobby an den Nagel hängen da ich mich oft angefeindet wurde da ich töte. In Madagaskar kam der Wunsch das ich im Regenwald meinen KIndheitstraum erfüllte wie Mowgli durch den Regenwald zu schlendern wie aus dem Dschungelbuch von Walt Disney. De meine Mama alleinerziehend war mit 5 Kindern erfüllte ich mir meine Traum selber. Grüße Michi .

  • Ich bin überrascht über die "vielen" positiven Rückmeldungen. Danke dafür. Das motiviert mich natürlich auch, den Tag so zu beenden, wie er begonnen hat: mit einem Forumsbeitrag....


    @ Manfred: Ruhepol - ja, das ist es. Einen Ankerpunkt. Und auf der anderen Seite das Überraschungsmoment. Schmunzeln musste ich auch über das "Älterwerden ohne sich zu langweilen". Denn manchmal fühle ich mich wie ein alter Sack (manchmal), aber bei diesem Hobby nach wie vor wie ein Kind. Aber das Älterwerden hat auch seine Vorteile. Die Ausrüstung zum Beispiel (dafür hätte mein Taschengeld nicht gerreicht). Der erweiterte Bewegungsradius (Auto). Und aufbleiben, solange ich will!


    @ Michi: eine interessante Parallele. Auch ich beendete mein Hobby in der Pubertät. Und nahm (spontan) den Faden wieder auf, als ich 1999 in ZA war. Damit erfüllte auch ich mir einen Kindheitstraum: Schmetterlinge in den Tropen fangen. Ein Forscher und Abenteuerreisender sein wie Alexander von Humboldt. Darum auch der Avatar von Spitzweg (Danach hängte ich mein Hobby endgültig an den Nagel - wie ich dachte. 2015 nahm ich den Faden dann wieder erneut auf. Für einen Verkauf hätte sie zwar nicht gereicht. Aber es gibt sie noch heute, die Sammlung aus Zentralamerika)


    @ Dominik: ich freue mich mit Dir. Es ist schön, noch ganz am Anfang zu stehen und nicht zu wissen, wohin einen die Reise führt. Genieße es!


    LG Sven

  • Hallo Sven, ja diese Diskussionen.... Die Spinnen vertilgen jedes Jahr 180 Millionen Toonen Insekten, von Vögeln oder Fledermäusen mal abgesehen. Und wenn ich einige Saturniden züchte oder tausche: Ja du musst die auch füttern! MMhh, die haben gar keine Mundwerkzeuge! Was, hast Du denen die wegoperiert? Nein, das ist so in der Natur, die machen das seit Jahrmillionen.


    Die Unwissenheit der LEute ( hier war ein netter Zeitungsartikel über Raupen, die Eier legen.......) ist schon enorm.

    Aber lass Dich nicht beirren, Im Gegensatz zu Briefmarken oder Bierdeckeln ( jetzt schimpfen einigen ?1? ) hat ja ein Schmettterling viel mehr Facetten, entwicklung, Ökol. usw. was dieses Hobby sehr interessant macht.

    Gruß Joachim

  • http://www.silkmoths.eu
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  • Hallo Swen,

    eine sehr schön erzählte Geschichte (keine Ironie!).

    Wie viele Andere kann ich die Erzählung sehr gut nachvollziehen. Mein erstes Netz habe ich vor ca. 50 Jahren aus einem Kleiderbügel, Strumpfhose und Besenstiel gebaut. Die erste Falter kamen in Zigarrenkisten mit Steckfläche. Mit dem Rad / zu Fuß auf Wiese, Felder und Wald. Nachtfang an Straßenlaternen. Aber um 22.00 musste ich wieder zu Hause sein.

    Das Buch "Wir bestimmen Schmetterlinge" war als Geschenk meiner Mutter jahrelang meine einzige Literatur. Über dem Buch "Die schönsten Nachfalter" mit Zeichnungen habe ich über die Tropen geträumt.

    Geld oder Platz war immer Mangelware. Eigentlich noch bis heute (das mit dem Platz). Später nachts mit einem Kollegen (hatte ein Auto) die Lampen im Umkreis abgeklappert. 1976 war ein Traumjahr.

    Nach ca. 18 x Thailand (Khao Yai garden Lodge) und 4 X Costa Rica (Finca Hamadryas) hatte ich auch meine Tropischen Erlebnisse (natürlich kein Vergleich mit Policeman etc.) da es immer Urlaubsreise mit meiner Frau waren. Aber auch ich konnte einen Teil meiner erträumten Falter in Natura sehen.

    Obwohl ich fast alle meine über die Jahre gesammelten Falter an Museen abgegeben habe, habe ich meine "Erinnerungsfalter" behalten. Die Erlebnisse und Erinnerungen bleiben erhalten.

    Wir "Alten" konnten in der Jugend ganz andere Erlebnisse sammeln. Die "Jungen" können dies nicht nachvollziehen. Man muss es erlebt haben. An einem Schmetterlingsflieder im Außenbereich von KA

    20-30 Falter 7 - 8 Arten geleichzeitig; in Thailand auf feuchtem Sand 3 Flächen mit jeweils 80 cm Durchmesser Falter dicht an dicht und nach Farben sortiert (Weiß+Gelb+Orang / Schwarz-Weiß / Papilios in grünlich); die Lanzenotter mitten auf dem Weg; die Landblutegel an den Beinen und der erste Attacus atlas in der Campingplatz-Toilette an der Wand und und und.

    Wenn ich heute durch meine damaligen Jagdreviere in der Umgebung von Karlsruhe gehe, könnte ich weinen.


    Heute züchte ich noch ein wenig vor mich hin, soweit es der Platz in eine Drei-Zimmer-Wohnung es zulässt. Und erkundige mich BEVOR ich eine neue Art züchte, ob ich die Futterpflanze in der Umgebung habe bzw. lese die reichlich vorhandenen Zuchtbeschreibungen.


    Die Faszination für Insekten oder insbesondere Schmetterlingen werde ich vermutlich -sofern meine Hirn nicht seinen Geist ausgibt- verlieren.


    Ich wünsche den "Jungen", dass sie vergleichbares Erleben dürfen.


    In diesem Sinne. Armin

  • joachim: ja, diese Diskussionen. Meist sind es ja gar keine, da liegt der Hund begraben. Ich sehe das Problem darin, dass - wie bei vielen anderen Themen auch -, hauptsächlich in richtig/falsch-Kategorien gedacht wird. Viel spannender aber finde ich es, die Motivation des anderen herauszufinden. Erst dann - wenn ich seine Beweggründe für oder gegen etwas kenne - verstehe ich ihn und lerne ihn ganz nebenbei kennen. Das bringt uns näher. Und auch, wenn das jetzt thematisch nicht in dieses Forum gehört: ich finde das wichtig. Moralisch geführte Diskussionen sind da eher hinderlich. Da sie meist von einer Doppelmoral geprägt sind. Ich erinnere mich an eine story aus meiner Kindheit, wo ich, gemeinsam mit meinem Vater, bei einem Tennisplatz Falter einsammelte, die von den Flutlichtern runtergefallen waren. Da kam doch ernsthaft eine Dame im Tennislook und machte mich dafür vollends zu Sau. Mir fehlten die Worte. Meinem Vater Gott sei Dank nicht... Sowas kann mich noch heute auf die Palme bringen: diese Doppelmoral, die allenthalben aus dem moralischen Zeigefinger derjenigen tropft, die immer auf andere zeigen. Gut. Bin ich halt ein "Mörder". Dann bist du es aber auch...


    caligo58: Aah, das geht beim Lesen runter wie Butter. Da weht mir der Wind der Erlebnisse in die Nase. Herrlich...Danke, dass du das mit mir geteilt hast (grauer Pulli, olivgrüne Hose, gerade ohne Brille:))

  • Hallo Sven aus Kassel,


    großes Lob an Dich für die unterhaltsame und ausführliche Darstellung Deines Werdegangs als Schmetterlingssammler. An Dir ist ein Schriftsteller verlorengegangen! Viele von uns Älteren werden sich bei dem ein oder anderen Detail wiedererkannt haben, wie ja auch die Kommentare zeigen.


    Mein erster Gedanke nach dem Lesen (auch auf die Gefahr hin, dass auch ich jetzt eine Diskussion lostrete):

    Schade, dass die nachwachsenden Generationen nicht mehr so unbeschwert die eigene Natur erforschen können, wie das in früheren Zeiten möglich war. Die Feldarbeit hat viele kompetetente und engagierte Hobbyentomologen hervorgebracht, von denen viele sich bis heute mit Sachverstand und Herzblut für die Erhaltung der Natur einsetzen. Die sich ständig verschärfende Rechtslage mit all den Beschränkungen, Geboten und Verboten wird, fürchte ich, zu einer zunehmenden Verdrossenheit und Entfremdung der Menschen von der sie umgebenden Natur führen.


    Herzliche Grüße

    Robert

  • Ich selber konnte noch nie etwas dem Schmetterlingssammeln abgewinnen, mir tun die Tiere immer leid, und ich fühle mich schlecht, wenn mir Tiere in der Zucht eingehen. Aber ich kann akzeptieren und respektieren, dass andere Menschen das anders sehen, und wenn es so tief reflektiert wird, wie hier, dann wird aus Respekt das Gefühl einer Seelenverwandtschaft, zumal, wenn es biographische Überschneidungen gibt. Ich kann mich an eine Szene in meiner frühesten Kindheit erinnern, in der ich bei einem Spaziergang mit meiner Familie eine Schnecke gefunden und diese mit einer Raupe verwechselt hatte (oder war es umgekehrt?!). Meine Eltern machten mich auf meinen Irrtum aufmerksam. Es gibt jedenfalls wenige Erinnerungen aus dieser Zeit und auch in den Jahren danach, die so klar sind, wie diejenigen, die mit Schmetterlingen zu tun haben. Auch die Beschäftigung mit Frage, warum man es ausgerechnet mit Schmetterlingen hat, führen mich zu ähnlichen Überlegungen wie Sven aus KS.

    Später wurde ich zu dem, was ich heute eigentlich am meisten verabscheue: einem Moralisten, ältere Einträge von mir in diesem Forum über die sammelnde Fraktion können darüber Zeugnis geben. Die Beschäftigung mit dieser Thematik führte mich zur Erkenntnis und schließlich Überzeugung, dass die allermeisten Moralisten in der Regel keine Ahnung von dem haben, was sie vorgeblich schützen und bewahren wollen, sie sind in Wahrheit völlig davon entfremdet. Das betrifft alle Bereiche des Lebens. Ich begegne diesem Phänomen immer wieder, und ich kann eine gewisse Diskussionsmüdigkeit des TE gut nachvollziehen. Das machte mich zu einem politisch interessierten Menschen (was mich in diesen Tagen mit dem Thema Freiheit konfrontiert).

    Die Beschäftigung mit Schmetterlingen führte mich zu meiner anderen großen Leidenschaft. Ich kaufte mir 1989 mein erstes Mountainbike, um im Wald und sonstwo in entomologischer Mission besser mobil zu sein. Was ich dann später damit anstellte, hatte nicht mehr viel zu tun mit dem ursprünglichen Zweck. So kam eines zum anderen, aber beides lässt sich immer noch hervorragend miteinander verquicken.

    Weitere biographische Details teile ich dem TE persönlich mit :-)

    Vieles davon hat aber mit dem Prinzip der Metamorphose zu tun, und damit schließt sich der Kreis

    Beste Grüße an Sammler und Jäger und die, die das nicht sind!

  • @soli72: Das fand ich einen sehr schönen Beitrag. Er liest sich versöhnlich. Und er zeigt, hier wieder an die Metamorphose anknüpfend, eine persönliche Entwicklung. Dies - und der Umstand, dass ich mit Anfang zwanzig, wenn auch in Bezug auf andere Themen, ein ziemlich unangenehmer Moralist (und Dogmatiker) war - zeigt mir, dass man jedem diese Zeit der Entwicklung zugestehen sollte, statt über ihn zu wettern. Sprich: der Moralist von heute, ist der ... von morgen. Wer weiß das schon? "Jeder Mensch kann sich zu jeder Zeit verändern" (Ingo Hasselbach, Aussteiger aus der Neonazi-Szene). Dein Beitrag hat dazu geführt, mir das wieder mal deutlicher zu machen.

    Außerdem, lieber Soli: frei von Gewissensbissen bin ich nicht. Das gebe ich ehrlich zu. Nicht ohne Grunde habe ich 2x dieses Hobby an den Nagel gehängt. Doch ich bin jedes Mal wieder rückfällig geworden. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Insofern liegt darin auch eine Schwäche. Und wer hat es schon gerne, wenn man den Finger auf den wunden Punkt gelegt bekommt? Mit dieser "Schwäche" gehe ich auf unterschiedliche Weise um. Wie? Das möchte in nicht öffentlich rausposaunen. So etwas erzähle ich nur in persönlichen Gesprächen, und hier am ehesten in direktem Kontakt. Es liegt aber auch eine Stärke in dieser Schwäche: sie lässt mich vorsichtig und behutsam mit diesem Thema umgehen. Und auch mit der Natur, ihren Schmetterlingen und denen, die dann zu den meinigen werden. Moral hilft hier nicht weiter. Oft dient sie ja nur dazu, dass man sich selber besser fühlt, weil der andere, vermeintlich, schlechter ist. Ich zum Beispiel esse kein Fleisch. Bin ich deswegen besser? Nein. Aber der, der mit seinem SUV auf die Almhütte fährt, um sich mit seiner Frau ein dickes Schnitzel reinzuziehen und meint, mich dann auf "meine Fehler" aufmerksam zu machen, ist es auch nicht. Doppelmoral eben. Und nicht einfach nur keine Ahnung.


    Natürlich gäbe es viele Ungereimheiten, Widersprüche, gute und schlechte Argumente für und gegen das Sammeln von Faltern, die man jetzt nennen könnte. Aber dann würde es ja doch wieder nur eine Diskussion. Wie gesagt: mich interessiert viel mehr, warum jemand etwas tut. Und das wird er mir wohl kaum verraten, wenn ich von vornherein eine festgelegte Meinung über ihn oder sein Tun habe.... Auch das hat ja viel mit der von dir angesprochenen Freiheit zu tun: wenn Meinungen zu Dogmen werden und keine anderen Wahrheiten neben sich gelten lassen. Da wird's politisch. Und oft ziemlich übel.


    In diesem Sinne schließe ich mir dir an: Freiheit für alle, ob Jäger, Sammler oder keines von beidem!


    Robert: Ja. Auch das berührt ja den Punkt der Metamorphose. Ich musste bei Deinen Zeilen unwillkürlich an den Werdegang des jüngst verstorbenen "Mr. Survivel" Rüdiger Nehberg denken. Was hat der nicht alles gemacht? Ist schon mit drei Jahren das erste Mal ausgebüchst, hat auf einem Tannenbaum den Atlantik überquert,all die gefährlichen Reisen auf dem Blauen Nil , der legendäre Deutschlandmarsch, auf dem das entomlogische Interesse einzig dem Ziel diente, den Magen zu füllen, die zahlreichen Expeditionen nahezu ohne Ausrüstung durch den Regenwald undundund. Und wie viele haben ihn einfach nur für bekloppt gehalten? Und alles, was er tat, als Ego-Trip abgetan (was es ja auch zu einem großen Teil nach eigenem Bekunden war). Doch was (und wer) hat sich daraus entwickelt? Der Schutz der Yanomami, die ohne ihn wahrscheinlich von Goldgräbern ausgerottet worden wären und der bis heute umgesetzt wird. Der Kampf gegen die Beschneidung der Frau in den muslimischen Ländern, der - vom höchsten Imam - als Verbrechen gegen den Koran ausgerufen wurde. Und - das mal noch als kleine, aber sehr wichtige Randbemerkung - sein Bild der Muslime dabei? Ein überaus positives! Während hier im Westen alle darüber gewettert haben, dass man mit Muslimen in keinen solchen Dialog treten könne und so etwas nie und nimmer durchsetzen könne.... Was ich damit sagen will: ja, dass sehe ich auch so, dass diese ganzen Verbote, Beschränkungen und, möchte ich hinzufügen, moralischen Belegungen dazu führen können, dass sich der Mensch immer mehr von der Natur entfremdet, sich nicht einmal mehr traut, eine Blume zu pflücken, um daran zu riechen, sie unter das Mikroskop zu legen oder ins Herbarium zu kleben. Wir alle sind, zumindest was den körperlichen Aspekt angeht, auf eine archaische Weise an die Natur gebunden, und wenn man dies nicht mehr leben darf, schneidet man sich von den Wurzeln ab. Dann versperrt man sich leicht einen Zugang zur Natur, über dessen Portal das bekannte Motto steht: man kann nur schützen, was man kennt. Und kennen kann man nur, möchte ich hinzufügen, was man kennengelernt hat.


    LG Sven

  • Hallo Sven,


    zunächst: wer ist denn soli72, den Du direkt ansprichst? Oder meinst Du soil74, dessen Beitrag ich auch sehr gelungen fand, gerade weil er sehr ausgewogen schreibt, ohne gleich zu verurteilen, wie das ja leider oft bei derartigen Diskussionen zu sehen ist.


    Nehberg ist ein gutes Beispiel für Naturverbundenheit! Und auch der Spruch „man kann nur schützen, was man kennt“ kann nicht oft genug wiederholt werden. Das gilt ja im übertragenen Sinne fürs gesamte Leben. Wie soll ich denn Empathie für ein unter unwürdigen Bedingungen in engsten Boxen dahinsiechendes Schwein entwickeln, wenn ich Schweine nur von der Fleischtheke kenne, wie das bei vielen Stadtkindern der Fall ist?


    Um bei Deinen eigentlichen Beweggründen für diese Diskussion zu bleiben:

    Bei mir war das übrigens auch so, dass ich in der frühen Kindheit mit dem Fangen von Schmetterlingen angefangen habe. Nur darüber habe ich mir erhebliches Wissen über die heimische Fauna und zwangsläufig auch Flora angeeignet und erarbeitet und gebe dieses Wissen ständig an Menschen jeden Alters, insbesondere aber Kinder, Jugendliche, meine Kinder und Enkel weiter, die insoweit nach meiner Erfahrung in der ganz überwiegenden Zahl auf diesem Gebiet völlig ungebildet sind. Wie soll so eine Generation denn noch die Liebe zur Natur und den Respekt vor der Natur entwickeln?

    Im Laufe der Jahre habe ich dann aber andere Schwerpunkte entwickelt, nämlich die Zucht von Saturniiden und die Fotografie, so dass ich nicht mehr das Dilemma habe, dass andere heimische Entomologen mit „Sammelleidenschaft“ haben, nämlich bei Ausübung der Leidenschaft die sich ständig verschärfenden Gesetze und Verordnungen beachten zu müssen.


    Herzliche Grüße

    Robert

  • Ja, jetzt wurde ich wieder in meiner Erinnerung in meine Kindheit versetzt, der erste Kohlweisling, Pfauenauge, Fuchs usw.. Noch heute habe ich meinen ersten Postillion, nicht ganz richtig gespannt, aber ich merke noch heute, wie Stolz ich war, als ich nach ca 1,5 Stunden und ca 3 km Spurt im Zickzack durch die Felder, den Falter in meinem selbstgebauten Netz eingefangen hatte. Oh, es lebe die Erinnerung!


    Liebe Grüsse Horst

  • https://insektenlifestyle.com
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