Hallo Claude,
in der gesamten Angelegenheit wird eines deutlich: Systematik ist der Versuch, das dynamische System der Natur, das ständig in Entwicklung begriffen ist, in einem starren, künstlichen System abzubilden. Das ist zwar gut und nötig, damit wir die Natur verstehen können, aber mit gewissen Problemen verbunden.
Die einzige wirklich existierende Einheit in diesem ganzen Gefüge ist die Art. Alles was darüber steht (Gattung, Übergattung, Tribus, Unterfamilie, Familie, Überfamilie, Unterordung, Ordnung ...) sind künstliche Gebilde, die die Verwandtschaft verdeutlichen soll.
Wenn ich also eine Art entdecke, muss ich der einen Namen geben (der Artname, der zweite Name in der binären Nomenklatur) und festlegen, in welche Gattung diese Art gestellt wird (der erste Name, mit dem großen Anfangsbuchstaben). Vertreter einer Gattung zeichnen sich dadurch aus, dass sie gemeinsame abgeleitete Merkmale (Synapomorphie) besitzen (mindestens ein, besser mehrere Merkmale). Das können sowohl morphologische als auch molekularbiologische Merkmale sein, wobei Färbungen und Zeichnungen eher ungeeignet sind, da sie in der Individualentwicklung starken Variationen unterliegen können.
An diesen zweiteiligen Tiernamen wird nun noch Name des Autors und das Jahr der Veröffentlichung der Beschreibung angehängt. Das ist durchaus nicht nur Selbstzweck, sondern erlaubt eine genaue Identifizierung der Beschreibung.
Wenn sich nun jedoch im Laufe der Forschung herausstellt, dass die Art doch nicht in diese Gattung gehört, sondern in eine andere (weil z.B. die Art mehr oder bessere - weil robustere - Gemeinsamkeiten mit den Vertretern einer anderen Gattung aufweist) so bleibt natürlich der Artname erhalten aber der andere Gattungsname wird verwendet und der Autor wird in Klammern gesetzt. Das gleiche gilt, wenn sich herausstellt, dass die Art in eine ältere, vorher beschriebene Gattung gehört.
Im vorliegenden Fall hat sich durch Untersuchung der sehr konservativen Gensequenzen der Cytochrom-Oxidase-Untereinheit 1 (COI) und des Elongation Factor 1 alpha (EF-1alpha) ergeben, dass io (L., 1758 ), urticae (L., 1758 ), ladakensis (Moore, 1882), kaschmirensis (Kollar, 1844) und milberti (Godart, 1819) sehr nahe miteinander verwandt sind und zwar enger als mit allen andern Arten, die ihrerseits nähere Verwandtschaftsverhältnisse mit anderen Arten aufweisen. Das veranlasst diese Autoren in eine Gattung zu stellen und die älteste Gattung in dieser Gruppe ist Aglais Dalman, 1816. Zumal das Merkmal, was zur Aufstellung und Abgrenzung der Gattung Inachis geführt hat,recht schwach war (wenn ich mich recht erinnere, war es so, dass beim männlichen Genital die Sacculi an der Innenseite der Valven kürzer sind als bei Aglais - bin mir da jetzt aber nicht ganz sicher).
ZitatWenn du dir die von Wahlberg gezeigten Stammbäume anschaust, und zu Ende den den er am richtigsten hällt dann hat man eine Gruppe von Aglais, davon spaltet sich Inachis ab, weiter entfernt Nymphalis mit der Abspaltung Polygonia und darin wiederum Kaniska.
Meinst Du diesen hier (Klick!)?
Das bedeutet, dass u.a Aglais, Kaniska, Nymphalis und Polygonia eigenständige Gattungen sind, wobei Kaniska und Nymphalis näher miteinander verwandt sind als Polygonia, während diese drei wiederum miteinander näher verwandt sind als mit Aglais. Grund dafür ist wahrscheinlich (!), dass sich im Laufe der Evolution die heutige Aglais-Gruppe zuerst von dem Rest abgespalten hat, während sich aus dem verbliebenen Pulk als nächstes die Polygonia-Gruppe separiert hat. Zuletzt haben sich die verbleibenden in Kaniska und Nymphalis aufgeteilt.
Ob das tatsächlich so war, lässt sich natürlich nicht sicher überprüfen. Außerdem hängt die Struktur eines solchen Stammbaumes immer davon ab, welches Merkmal man für die Erstellung hernimmt.
Wie Du siehst, sind das genau die Schwierigkeiten, welche ich eingangs genannt habe.
Viele Grüße
Joachim