Gifteinsatz gegen "Maikäferplage" in Südhessen

    Es geht seit einigen Wochen durch die Medien, dass in Südhessen Gift gegen den Maikäfer ausgebracht wird. Das ist derzeit der Fall. Seit einigen Jahren scheint sich dort eine große Population aufzubauen, und "Experten" meinen, dass ein natürlicher Zusammenbruch dieser Population nicht zu erwarten sei. Die Behörden befürchten den größten Schaden durch die Engerlinge, die durch ihren Fraß vor allem an jungen Bäumen die Waldverjüngung verhinderten. Der NABU hat jetzt eine Anzeige gegen den verantwortlichen Bürgermeister der Stadt Pfungstadt angestrengt. Weiterführende Artikel hier und hier.
    Was sagen unsere Experten dazu?

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    Moin,


    die großflächige Entwaldung, von der im ersten Beitrag geschrieben wird, ist so oder so zu erwarten, also auch ohne Maikäfer. Seit Jahrzehnten wachsen die Großstädte zwischen Frankfurt und Karlsruhe ohne Unterlass. Das Wasser, welches diese Städte verbrauchen, wird unablässig aus den sandigen Gebieten der Oberrheinebene abgezogen. Hierin liegt der einzige Grund für das extreme Absinken des Grundwasserspiegels. Dieser hat natürlich zur Folge, dass die Wälder unter Wassermangel leiden. Die Wipfeldürre der angesprochenen Wälder kennt man schon lange, länger, als man den Maikäfer wieder als Plage einstuft. Die Wipfeldürre ist zumindest bei Altbaumbeständen schlicht auf den gesunkenen Grundwasserspiegel zurück zu führen und hat nichts mit der Aktivität der Engerlinge zu tun.


    Ich kann aber nicht ausschließen, dass die Engerlinge die Wurzeln der jungen Bäume befressen und diese somit zum Absterben bringen, kann es aber auch nicht bestätigen. Ich kenne nur den Bericht, dass die Larve von Melolontha melolontha bevorzugt an die Wurzeln von Löwenzahn geht. In den Sandgebieten der Oberrheinebene haben wir es aber mit M. hippocastani zu tun. Ob dieser dann doch andere Wurzeln bevorzugt, oder ob nur wegen der unglaublichen Käfermassen einfach alles gefresen wird, was denen vor die Flinte kommt, läßt sich für mich hier am Schreibtisch nicht ergründen. Fraglich bleibt aber auch, ob M. hippocastani wirklich am Verschwinden der Wurzeln Schuld ist, oder ob die Bäume nicht einfach vertrocknen und die Feinwurzeln das erste sind, was im Zerfallsprozeß verschwindet.


    Den Wald als Wasserspeicher zu bezeichnen ist dann allerdings krank. Natürlich ist der Wald Wasserspeicher. Aber der steht auf sandigem Boden, das Wasser sickert also entsprechend schnell tiefer. Hier hat es sich was mit Wasserspeicher, da der Mensch diesen in solchen Dimensionen anzapft, dass da keinerlei Speicherfunktion mehr vorhanden ist. Der angesprochene Lampertheimer Wald ist ein Paradebeispiel. Der Wald liegt gerade mal etwa 5.000 m vom Rhein entfernt. Hier hat der Rhein mit seinem Wasser eigentlich noch Einfluss auf den Grundwasserspiegel. Der Druck, den das Rheinwasser, vorallem bei Hochwasser ausübt, müßte eigentlich verhätlnismäßig schnell den Grundwasserspiegel im Lampertheimer Wald auffüllen. Das er es nicht tut, besagt dann nur, dass dort unglaubliche Mengen Grundwasser abgepumpt werden müssen. Die Bekämpfung des Maikäfers wird am Grundwasserspiegel nichts ändern. Dieser wird weiter sinken. Und in so fern haben die Naturschutzverbände schon Recht, dass es sinnvoller wäre an den Ursachen zu arbeiten, statt an den Symptomen.


    Last but not least sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Gifte, die ausgebracht werden, nicht nur auf die Maikäfer auswirken werden, sondern jede andere Tierart ebenfalls zumindest stark belasten wird. Immerhin werden die Wälder, in welchen gesprüht wurde, für wenigstens eine Woche für den Publikumsverkehr gesperrt und während dieser Zeit höchstens im "Ganzköper-Kondom" betreten. Und es muss vermutlich nicht erwähnt werden, dass z.B. im Lampertheimer Wald so seltene Arten wie Cerambyx cerdo, Lucanus cervus, Coraebus undatus und viele mehr vorkommen. Ich kenne aber nur die Käferseite und habe keine Ahnung, was an anderen seltenen Insektenarten getötet wird, ganz zu schweigen davon, wie sich die Gifte auf die Fledermauspopulationen und andere Wirbeltiere und schlußendlich vorallem auf die Menschen, die dort wohnen, auswirken. Denn die Gifte wissen nicht, dass sie im Wald bleiben sollen.


    Viele Grüße

    Klaas

    Ich kann nur etwas zum eingesetzten Breitbandgift Dimethoat schreiben:

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    Alle Dimethoate sind in der UN-Gefahrenklasse 6.1.
    Sie gelten als giftig für praktisch alle Wasserorganismen. Schädlich für die Umwelt sind sie vor allem für Vögel.
    Wo Dimethioat eingesetzt wird, gibt es nachher praktisch keine Bienen mehr.
    Stark wassergefährdend (WGK 3). Starker Meeresschadstoff.
    [Blockierte Grafik: http://www.gifte.de/Chemikalien/images/Tox-WGK.gif]
    Dimethoat wird in den USA seit 1950 intensiv eingesetzt. In den meisten europäischen Ländern ist es als Obstspritzmittel erlaubt (Cygon, Fostion MM, Perfekthion, Rogor, Roxion, Bi 58 ).
    [Blockierte Grafik: http://www.gifte.de/Chemikalien/images/EU-Gesundheitsschaedlich.gif] 
    Die EU-Kommission und das deutsche Verbraucherministerium haben 2001 die Grenzwerte von 33 besonders gefährlichen Spritzmitteln erhöht. Das Gift ist so zu dosieren, dass nachher nicht mehr als 1 mg/kg in Obst und Gemüse vorkommen. Greenpeace fordert 0,1 mg/kg als Höchstwert.
    "Anstatt gefährliche Pestizide zu verbieten, erhöhen die staatlichen Verbraucherschützer die Grenzwerte und servieren uns Lebensmittel mit immer höherem Giftgehalt. So werden zwar die Interessen der Chemieindustrie und besonders spritzwütiger Landwirte geschützt, aber die Gesundheit der Verbraucher bleibt auf der Strecke", sagt Manfred Krautter, Chemieexperte von Greenpeace. "Nur von Bio-Ware können Verbraucher heute pestizidfreie Qualität erwarten."

    :smiling_face_with_sunglasses:

    Nachdem ich die Diskussion erstmal nüchtern gestartet habe, muss ich nun doch mal sagen, dass ich mich sehr aufgeregt habe über die ausgemachte Dummheit, mit der die Behörden und selbsternannte Experten hier wieder mal hyperagieren. Ich kann wirklich nur hoffen, dass das Ganze ein Bumerang wird. Der Maikäfer als Sündenbock für verfehlte Umweltpolitik - wie albern. Das gesicherte biologische Wissen scheint zu den Herrschaften nicht durchgedrungen zu sein. Die Anzeige durch den NABU ist gerechtfertigt. Hoffentlich sehen das die entsprechenden Instanzen genau so.

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