Pericallia matronula in Oberbayern auch in geraden Jahren!

    Hallo Kollegen,

    ich war mir nach dem Raupen-totfund vor ca. zwei Wochen fast so gut wie, aber halt nicht 100pro sicher,
    und deshalb bin ich gestern Abend mit meinem Papa :biggrin: in ein bis dahin uns unbekanntes Biotop, und um halb zehn, auf einem Haselnussstrauch:


    Erwachsene Raupe in ungeradem Jahr heißt: Falter im geraden!

    Wer kann mir Angaben zum letzten Fund in Deutschland in einem geraden Jahr machen?
    Im Ebert und Weidemann (die einzige Lit. die mir diesbez. vorliegt) gibt´s Meldungen bis in die 50er und dann war´s das!

    Also, machzes gut, und danke für die Antworten
    Hans

  • ANZEIGE

    Hallo Hans,

    vielleicht eine naive Frage, aber: Ist den Tieren nicht egal, ob es ein gerades oder ungerades Jahr ist, in dem sie leben? Was ist der Hintergrund, dass es etwas Besonderes ist, einen Falter dieser Art in einem geraden Jahr zu erwarten?

    Schöne Grüße und ein schönes Wochenende,
    Daniel

    Hallo Daniel,

    wegen der langen Entwicklungsdauer vom Ei bis zum Falter (2fache Überwinterung) fliegt der Falter auch bei uns in Nordtirol nur an ungeraden Jahren. Eine Flugzeit an geraden Jahren wurde bisher noch nicht beobachtet, ist aber auch nicht ganz auszuschliessen.

    Werner

    Servus Hans,

    ich könnte schon was dazu sagen, aber auch kaum mehr als Vermutungen :winking_face: Das Pro Natura Buch (Band 3) hast Du auch, wenn ich mich recht erinnere? Da geht's zwar nicht um Deutschland, sondern um die Schweiz, aber dort herrscht aber eine ähnliche Situation. Fast nur Funde in ungeraden Jahren, sehr wenige, aber eben auch ein paar in geraden Jahren. Explizit genannt wird 1980, an einem Ort, wo auch 1979 und 1981 Falter gefunden wurden. Da wird zwar kein Biotoptyp oder ähnliches genannt, aber ich denke, man kann's schon zu einem gewissen Grad vergleichen.

    Folgender Satz

    Zitat

    Vielleicht überwintern die Raupen wie unter Zuchtbedingungen aber nur einmal.


    könnte ein Hinweis sein. Im Friedrich steht dazu:

    Zitat

    Eine kritische Phase ist die Zeit nach der 4. Häutung. Wenn dann nachlässig gefüttert wird oder die Temperatur wesentlich sinkt, stellen die Raupen das Fressen ein und bereiten sich zur Überwinterung vor.


    Ich denke, man kann von eine "Hauptpopulation" sprechen, die in ungeraden Jahren Imagines hervorbringt, aber für die geraden Jahre sehe ich zwei Möglichkeiten:

    1) Es ist eine kleine, stabile "Nebenpopulation".

    2) Eventuell gilt auch der Umkehrschluss zu der Aussage von Friedrich, eben das, was auch in Schmetterlinge und ihre Lebensräume vermutet wird. Nämlich, dass sich unter günstigen Bedingungen (frühe Eiablage, hohe Temperaturen, gute Futterqualität) ein kleiner Teil der Raupen auch in der Natur schneller entwickelt und den instabilen geraden Zweig ausbildet.

    Rein von den theoretischen Aspekten würde ich sehr stark zur zweiten Theorie tendieren, denn ich kann mir irgendwie nicht recht vorstellen, dass sich eine stabile "gerade" Linie nicht auch mal ordentlich etabliert, aber auch nicht ganz verschwindet. Hört sich für mich einfach eher nach kleinen Nebenlinien an, die hin und wieder in einer Sackgasse landen. Bis sich wieder ein Teil abspaltet.

    Soviel zur Theorie, für die Praxis wirst wohl Du in Zukunft der Ansprechpartner werden.

    Daniel: Soweit Du's nicht schon aus dem bisher geschriebenen entnehmen konntest, P. matronula braucht normalerweise 2 Jahre für einen vollständigen Entwicklungszyklus. Und die Falter treten so gut wie nur in ungeraden Jahren auf. Die Raupenfunde vom Hans deuten aber darauf hin, dass nächstes Jahr auch Falter zu erwarten sind.
    So ein Zyklus ist auf den ersten Blick vielleicht erstaunlich, aber lies dazu doch mal den Wikipedia-Artikel über periodische Zikaden: Magicicada. Da geht es um noch viel erstaunlichere Zyklen. 13- bzw. 17-jährige Entwicklungsdauer und die Populationen sind meist räumlich getrennt, so dass tatsächlich nur alle 13 oder 17 Jahre Tiere der jeweilige Art auftreten. Dafür dann allerdings in Massen:

    Zitat

    manchmal mit mehr als 370 Individuen pro Quadratmeter

    Hi moe,

    so in etwa denk ich mir das auch, wobei ich mir auch denke, heiße Jahre gabs schon immer, und wieso liegen dann die letzten Funde in D, zumindest die mir bekannten, ca. 60 Jahre zurück? Aber da lässt sich wohl nur spekulieren! Und das mit der frühen Eiablage könnte für dieses Jahr auf jeden Fall zugetroffen sein (die Männchen waren dieses Jahr schon anfang Juni nicht mehr wirklich frisch), allerdings dürfte der restliche Sommer eine einjährige Entwicklung nicht gerade gefördert haben! Noch dazu kommt, dass eben der Biotop, in dem ich die Raupen gefunden habe, so ziemlich nix mit den mir bekannten Biotopen zu tun hat! Kein heißer, mit Felsen durchsetzter, lichter Mischwald, sondern ein Nordhang in einem eher kühlen Bachlauf, hauptsächlich Fichten, keine offenen Felspartien, wie gesagt, auf den ersten Blick eigentlich genau das Gegenteil! Und dann bei diesem Sommer ne einjährige Entwicklung, ich weiß nicht!

    Meine Theorie: könnte es nicht sein, das sich bei zwei Populationen, die ca 25 km voneinander entfernt sind, das Verhältniss der Falter in ungeraden zu geraden Jahren unterscheidet? (und ich mein jetzt eben auf lange Zeit gesehen) Eben auch wegen dem Unterschied des Biotoptyps und der Hanglage. Ich komme auf solche Gedanken, weil wir eben in dem uns bis dahin bekannten (meiner Meinung nach sehr guten) Biotop nie Falter in geraden Jahren beobachten konnten! Und jetzt eben gleich zwei Raupen! Ich bin auf jeden fall nächste Zeit nochmal unterwegs beim Raupen-leuchten, und ich trau mich fast wetten, ich finde mehr! Immerhin haben mein Vater und ich auch nur ne gute halbe h danach gesucht und haben dann abgebrochen!

    Grüße

    Hans

    Servus Hans,

    ja, alles hochspekulativ würde ich sagen :winking_face: Warum's keine Beobachtungen gibt ist wirklich ne gute Frage!

    Wenn ich so drüber nachdenke: Ziehen wir mal die oben verlinkten Zikaden als extremeres Beispiel zur Veranschaulichung heran!

    Da gibt es ja auch räumlich getrennte Vorkommen, die die gleich Zykluslänge haben, aber eben zeitversetzt stattfinden. Vielleicht gibt's das ja bei Dir auch! Sprich die Biotope und die beiden Populationen haben wirklich überhaupt nix miteinenander zu tun. Die gerade Linie ist da drüben vielleicht sogar die Hauptpopulation(?) und auch zweijährig, aber kleiner, weil das Biotop gut, aber nicht perfekt ist. Ich gehe davon aus, dass Du's eh machen wirst, aber dieses Biotop solltest Du unbedingt längerfristig beobachten. Hast Du da heuer auch zur Flugzeit von matronula geleuchtet?

    Servus,
    der moe

    Hi Hans,
    mit dem Gedanken, dass matronula nur in ungeraden Jahren als Falter auftritt, konnte ich mich nie richtig anfreunden. In den 90-er Jahren haben wir sehr heisse Sommer gehabt, mit Temperaturen um 30 grad anfang Oktober. Hätte sich da die Raupe nicht voll entwickeln können? Zumindest zu einem kleinem Prozentsatz. Und in der Vergangenheit, vor unserer Wetteraufzeichnung war es bestimmt nicht anders. Im Laufe der Evolution ( vor zig tausend Jahren oder mehr ) dürfte es den Fater jedes Jahr geben, aber aufgrund von irgendwelchen Umwelteinflüssen und dazu zähle ich auch z.B. starkes Auftreten von Parasiten, Feuer, starke Regenfälle mit Überschwemmung u.ä. wurde die eine Population stark dezimiert bis erloschen.
    Wahrscheinlich wurde sie dann von der Population aus den ungeraden Jahren wieder, wenn auch ungenügend, verstärkt. Und evtl. auch umgekehrt.
    Wir müssen nicht unbedingt nach Amerika gehen, auch bei uns gibt es Beispiele mit mehrjährigen Zyklus - siehe Maikäfer ( Melolontha melolontha ). Er entwickelt sich 3, 4 oder 5 Jahre.
    Sein Hauptauftreten ist jedoch alle 4 Jahre. Gefunden wird er jedes Jahr.
    Auf jeden Fall ist der Fund eine bedeutsame Entdeckung. Gratuliere!
    Gruß
    Georg

    Hallo Hans,

    auch mir kommt die zweijährige Entwicklungszeit aus Erfahrungen mit der Haltung von Pericallia matronula nicht zwingend vor. Zwar kann ich nicht mit stichhaltigen wissenschaftlichen Daten dienen, trotzdem möchte ich mich an der Diskussion beteiligen.

    Wie bekannt, ist P.matronula aus den ehemaligen"Flachlandgebieten" in Bayern verschwunden, bzw. seit Jahrzehnten nicht mehr nachgewiesen.
    Da sich die klimatischen Verhältnisse in den Alpen erheblich vom Flachland unterscheiden und in manchem geeigneten Biotop sicher ideale Bedingungen für einen jährlichen Zyklus vorliegen, sollte man vielleicht von anderen Möglichkeiten ausgehen.
    Vielleicht ist der zweijährige Zyklus lediglich eine Anpassung an die alpinen Verhältnisse und die Art war im Flachland eher jährlich vertreten. Das ließe sich anhand von Sammlungsmaterial erhellen.
    Forster-Wohlfahrt beschreibt die Art als lokal verbreitet und recht selten, ein Hinweis auf ein Fehlen der Art in einem der beiden Zyklusjahre wird nicht erwähnt. Sie kommt nach FW in schattigen Laubwaldungen mit reichlich Unterholz unter 100mNN vor. Sie ist sehr polyphag.

    In der Zucht gelingt es mühelos, die Raupen bis zum September bei normalen Raumtemperaturen bis zu erwachsenen Raupen zu bekommen. Wieso soll dies nicht auch in der Natur der Fall sein und ein Teil der Raupen sich einjährig entwickeln? (Da stellt sich natürlich die Frage, woher stammt die Behauptung über die Zweijährigkeit von Pericallia matronula und anhand von welchen Daten? ) Ich würde eher eine sowohl-als-auch-Option in Betracht ziehen.

    Mir ist das Verschwinden von P.matronula völlig unverständlich, die Seltenheit spricht jedoch für besondere Bedürfnisse oder Einflüsse, die letztendlich auch zum Verschwinden aus den Biotopen geführt haben.

    Eventuell ist nun schon lange der Fall eingetreten, dass die Art so selten geworden ist, dass in den Restpopulationen ein "schlechtes" Jahr mit für die Entwicklung äußerst ungünstigen Bedingungen zum Verschwinden der Population eines ganzen Jahres geführt hat, während der andere Teil überlebt hat. Durch die Seltenheit der Individuen gelingt es der Art nun nicht mehr, den "Zeitsprung" ins nächste Jahr zu schaffen, indem sich einzelne Individuen doch innerhalb eines Jahr entwickeln. Für den Erhalt einer Population ist eine gewisse Mindestanzahl an Individuen notwendig, ist diese Zahl nicht vorhanden, kann sich die Art nicht mehr etablieren. So könnte der Eindruck entstehen, die Art würde nur in einem Jahr existieren, im nächsten nicht. Sollte es ein günstiges Jahr zum "Springen" geben, müsste die Art in den Folgejahren wieder in beiden vorkommen.

    Um das Gegenteil zu beweisen, braucht man nun eine stabile individuenreiche Population in einem genügend großen Areal/Biotop, die diesen "Zeitsprung" schaffen kann. Wenn auch dort die Art auf Dauer nur in einem Jahr vorkommt, sollte dies ein Hinweis auf ein periodisches Auftreten von P.matronula sein.

    Betrachtet man das Vorkommen z.B. des Maikäfers aus der mathematischen Perspektive, so ist es eher wahrscheinlich, dass sich die Individuenanzahl über die Jahre annähert und ausgleicht. Die Mechanismen für sogenannte Maikäferjahre sind sicher sehr komplex und nicht leicht zu erfassen. Sowohl klimatische, ökologische, eventuell Stoffwechselvorgänge und viele andere Faktoren spielen eine Rolle. So sicher auch bei P.matronula. Trotzdem: als Beispiel für den Zyklus von P.matronula eignet sich m.E. wohl weder der Maikäfer noch eine Zikadenart, hier geht es immer um ein Massenauftreten der Art. Diese Arten machen das Fehlen der Art während "Mangeljahren" in den anderen Jahre durch die schiere Anzahl wett und sichern so das Überleben der Art.

    Davon kann wegen der Seltenheit bei P. matronula überhaupt nicht die Rede sein! Der Vergleich ist eher ungeeignet.

    Ich fürchte, da man schon das Verschwinden dieses großen Bärenspinners nicht fassen kann, fällt das bei der Fragestellung nach dem zyklischen Auftreten umso schwerer und bleibt wohl Spekulation.

    Gruß
    Arnd

    Laut Pro Natura ist die Art ein "Kulturflüchter", was mit den von Dir, Arnd, beschriebenen Vorgängen sehr gut übereinstimmt.

    Die These, dass P. matronula eigentlich einjährig und urspünglich nur bei Bedarf zweijährig ist, finde ich sehr interessant. Dass sie bei ihrem Rückzug in eine ungeeigneteres Biotop dann praktisch nur noch im Notfallmodus läuft erschiene mir dann durchaus nachvollziehbar.

    Natürlich kann man nie zwei Arten exakt vergleichen. Aber schau mal in die ursprüngliche Leuchtabend-Diskussion, da würde nicht gerade von Massenaufkommen sprechen, aber eben auch nicht mehr von Seltenheit, und wetten, dass der Hans zur gleichen Zeit am selben Ort nächstes Jahr keinen einzigen Falter von matronula findet :winking_face: Mich interessiert brennend, ob für das zweite vom Hans entdeckt Biotop genau das Gegenteil gilt, Raupen scheinen dort ja momentan im entsprechenden Entwicklungsstadium zu finden zu sein.

    Mein Vergleich hat sich eben darauf bezogen, dass die 13/17jährigen Zikaden ihren Rhythmus offenbar sehr konsequent einhalten, die Vorkommen aber räumlich getrennt sind. Exakt diese Frage habe ich für P. matronula in den Raum gestellt, bezogen auf die beiden genannten Biotope. Wir sprechen vielleicht von unterschiedlichen Maßstäben, aber vergleichbar halte ich es durchaus.

    Ich denke, dass aus dem Vergleich der Häufigkeit der Falter in den beiden Biotopen schon einige Kenntnis gewonnen werden kann. Das müsste man nur ein paar Jahre verfolgen, und eventuell noch andere Biotope in der Gegend finden. Lohnt sich auf jeden Fall!!

    Leider fürchte ich aber, dass wir, außer uns über wilde Spekulationen zu streiten, nichts weiter tun können als zu warten...

    Servus,
    der moe

  • ANZEIGE

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!