Aktivierung unbefruchteter Eier

    Hallo,
    wer hat Erfahrungen mit der künstlichen Aktivierung unbefruchteter Eier?

    Im Buch "Zucht der Seidenspinner" von Arnold Voelschow habe ich gelesen, dass dies klappen soll. Auf wissenschaftlicher Basis macht es durchaus Sinn, da die eigentliche Einleitung der Embryonalentwicklung nicht durch die Befruchtung an sich stattfindet, sondern durch die Freisetzung von Calcium-Ionen aus dem Endoplasmatischen Reticulum, welche normalerweise durch den Eintritt des Spermiums in die Eizelle ausgelöst wird.

    Voelschow schreibt, dass eine künstliche Aktiverung durch "minutenlanges Reiben der Eier mit einer harten Bürste" oder die Einwirkung von
    - reinem Sauerstoff
    - 50°C warmem Wasser
    - konzentrierte Salz- und Salpetersäure
    - Wasserdampf
    - heiße Luft
    u.a. auf die frisch gelegten Eier erreicht werden kann. Sinn würde es in sofern machen, da meiner Erinnerung zufolge auch Stress den Ca-Efflux aus dem Endoplasmatischen Retikulum induziert. Und alle dieser Methoden dürften nicht gerade unstressig sein.

    Hat jemand schon derartiges ausprobiert?

    Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zu sehr verwirrt mit den Fachausdrücken. Da bei mir heute Nacht ein einzelnes Hyalophora cecropia-Singlemädchen geschlüpft ist, habe ich die Methode mit der Bürste und dem heißen Wasser angewendet. Bei der nächsten Fuhre Eier werde ich verschiedene Konzentrationen Salzsäure anwenden.

    Und noch eine Bitte: nicht sauer sein weil ich ein wenig Gott spiele. Ohne die Versuche sind die Eier sowieso tot. :tschuldigung:

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    Hallo Markus,

    die Sache mit den künstlichen Reizen zur Auslösung einer Embryonalentwicklung hat schon um 1930 (?) der Biologe Hans Speemann probiert. Nur benutzte er damals wohl hauptsächlich Seeigeleier, die er mit Nadelstichen traktierte.
    Ich hatte übrigens einmal einen Raupenschlupf nach einer Ablage eines Argema mittrei-Weibchens. Ein Männchen stand nicht zur Verfügung. Alle nicht geschlüpften Eier, die ich dann öffnete, enthielten abgestorbene Raupen. Ich habe damals gar nichts gemacht, die Eier wurden bei eher kühler Zimmertemperatur gelagert (Vielleicht war das der Reiz für die tropische Art ?). Diese Jungfernzeugung ("Parthenogenese") soll bei Saturniiden als primitiver Schmetterlingsfamilie häufiger vorkommen und ist bei einer Art aus der SAHEL-Zone und bei vielen anderen Insekten ja sogar die Regel.

    Zu Deiner eigentlichen Frage kann ich leider auch nicht viel sagen. Ich denke aber, bevor man mit (in ihrer Effizienz) schwer dosierbaren Chemikalien (Salzsäure !) arbeitet, sollte man das Thermoverfahren (unterschiedliche Einwirkungszeiten von 50-Grad-Wasser ) erst einmal "ausreizen". Anscheinend kommt es ja nur darauf an, die Reizschwelle, wie auch immer, zu überschreiten. Es könnte auch sein, dass nicht alle Weibchen genetisch gleich sind, also Eier legen, die die Potenz haben, sich "ohne Männchen" zu Raupen zu entwickeln. Vielleicht sind es ja nur 2 oder 5 oder 20% der Weibchen.

    Ich könnte mir vorstellen, dass das Thema wissenschaftlich ausführlich behandelt wurde. Schau doch einmal im "Journal of Insect Physiology" in Deiner Uni-Bibliothek nach.

    Viel Erfolg!

    Michael

    Hallo Michael,
    danke für die sehr brauchbare Antwort! Vielleicht probiere ich auch mal einen kurzen Kältereiz aus. Oder, eben wie Speemann, einen vorsichtigen Stich mit einer Nadel.

    Weißt Du, wie es ab dann weitergeht? Sind aus einer solchen Zucht erhaltene Weibchen zur normalen di(?)ploiden Weiterzucht geeignet? Versucht eine haploide Keimbahnzelle trotzdem eine Reduktionsteilung? Andernfalls sollte es in dieser Hinsicht ja keine Probleme geben.

    Wieviele Raupen sind damals aus den Eiern bei mittrei geschlüpft? Hat die Aufzucht geklappt?

    Ich habe auch schon gehört, dass spontane Parthenogenese manchmal "natürlich" vorkommt. Ein Fall bei einem Streckfussweibchen ist mir bekannt. Eventuell verpassen manche Keimzellen ja einfach die Reduktionsteilung und können in einem solchen Zustand sehr leicht aktiviert werden.
    Es würde mich wirklich wundern, wenn es keine Papers über das Thema gäbe. Ich werde mich mal umschauen.

    Jedenfalls ein sehr interessantes Thema!!!!

    Hallo Markus,

    leider gibst Du keine Email-Adresse an. Vielleicht führt die Diskussion hier im Forum zu weit. Nur kurz das Folgende:
    Die Saturniide Micragone ansorgei hat bei Zucht über 4 Generationen nur Weibchen produziert. Männchen sind überhaupt sehr selten. Das Ganze wird mit Blattläusen verglichen, die ja auch aus Gründen der schnellen Ausbreitung parthenogenetisch etliche Generationen von Weibchen produzieren. Die so erzeugten Weibchen sind vermutlich haploid. Das Ganze dient wohl dazu, um in einer "ungünstigen" Umgebung möglichst schnell (ohne den Luxus sich mit Männchen abzugeben) eine Individuen-Vervielfältigung zu betreiben.

    Meine Mittrei-Eier hatte ich damals schlicht vergessen. 1 Raupe war geschlüpft und vertrocknet, als ich sie fand. Vielleicht wären es mehr geworden. Vielleicht wären sie aber auch(wie bei manchen Hybriden) frühzeitig dahingeschieden. Oder, die erhaltenen Weibchen wären steril gewesen usw. usw. Du siehst, ein weites Feld, um Deinem Forscherdrang nachzugehen. Hier ist aber sicher viel veröffentlicht worden (zumal man sich ja nur einmal die Chromosomen der Eizellen der Weibchen anschauen müsste). Vielleicht könnte Ulf Eitschberger weiter helfen.
    Ich bin der Meinung, dass diese Jungfernzeugung bei Sat. eher ungewöhnlich ist und bei Arten, die in einer "günstigen" Umgebung leben, keinen großen Sinn macht. Viel wichtiger als die Überschwemmung eines Biotops mit haploiden Weibchen, denke ich, ist es, die Gene durch die Kopula mit dem Männchen neu zu kombinieren und damit die genetische Flexibilität der Art (Anpassung an neue Umweltbedingungen) zu fördern.

    Wenn ich das so schreibe, kommt man ins Grübeln, ob man nicht als Mann doch ziemlich schlechte Karten" hat, was die Notwendigkeit der Existenz angeht ....

    Gruß,
    Michael

    Na na na Michael.
    Sei mal nicht so pessimistisch zu unserer Rolle als Männer. Selbst ein Micragone ansorgei-Weibchen würde sich sicher über einen Männerbesuch freuen, wenn den ein Mann zur Stelle wäre. Und gerade diese Abstinenz macht die "Sache" ja gerade noch interessanter für die Mädels. :zwinkern:

    Aber jetzt mal ernsthaft. Bitte diskutiert dieses Thema hier ruhig öffentlich weiter. Mich interessiert wirklich, auf welche Thesen ihr sonst noch kommt. Und vielleicht bin ich ja nicht der einzige stille Mitleser.

    Schönen Abend noch.
    Rudi

    Hallo zusammen,

    ich schliesse mich Rudi an - diskutiert hier unbedingt weiter, das Thema ist äusserst interessant! Auch für einen "stillen Mitleser", der keine eigenen Infos zu der Thematik beitragen kann (...so wie ich...). Auch auf die Ergebnisse bin ich schon sehr gespannt.

    Grüße
    Jörg

    Zitat

    Copiopteryx schrieb:
    ich schliesse mich Rudi an - diskutiert hier unbedingt weiter

    Das denke ich doch auch! Wir können uns ja mit den Fachausdrücken etwas zusammenreißen und die unvermeidlichen kurz erläutern.


    Leider ist meine Dame mir gestern entfleucht, nachdem ich sie zum Fototermin in den Garten gesetzt hatte. Die 50 Eier, die sie gelegt hat, haben anscheinend einiges an Gewicht ausgemacht.

    Meine neueste Idee (noch perverser): Da das in der Zelle ja auch alles elektrochemisch abläuft, könnte es auch so klappen, Voelschow hat in seinem Buch auch den ominösen "elektrischen Regen" erwähnt: Ich habe einige Eier mit einer sogenannten "Plasmalampe" (eine Glaskugel, in der Plasmablitze zucken, die sich ändern, wenn man mit der Hand drankommt) berührt. Vielleicht löst auch das den Calcium-Ausstrom aus. In einigen Tagen wissen wir mehr.

    Moin!

    Die Diskusion ist zwar schon ein bissel her, aber ich würde gerne wissen, ob es mittlerweile bei einem inzwischen geklappt hat.
    Weil in dem Buch von Dr. Johannes Gebbing "Seidenraupenzucht" beschreibt der Autor einige der am Anfang des Threads genannten Methoden (Bürsten und Säuren, aber auch Elektizität) um das Überwintern der (befruchteten) Eier zu umgehen. D.h. dass sie nicht der Winterkälte ausgesetzt sein müssen....
    Das klingt eher so, als ob es unwahrscheinlich sein sollte, damit unbefruchtete Eier zum Leben zu erwecken???

    Ach ja, lang ists her...

    Hatte komplett vergessen, Euch weiter auf dem laufenden zu halten.

    Naja, viel zu erzählen gibt es nicht: Die Eier aller Ansätze sind allesamt eingefallen und vertrocknet, wie man es zu genüge kennt. Dass man auf diese Arten auch die Winterruhe umgehen können soll, ist mir neu. Aber man lernt ja immer dazu. Vielleicht haben sich bei den anderen ja inzwischen interessante Erkenntnisse ergeben. Ich warte gespannt...

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