Lieber Dennis, Liebes Forum, was ich ergänzen will das die Kollegen die als Coautor auftritt ist Ian Kitching aus dem NHM in London. Für mich mein Mentor bei den Sphingidae einer der bekanntesten Sphingidae Fachleute die ich kenne - für mich vermutlich der Kompetenteste. . Die Arbeit ist glaube ich noch nicht abgeschlossen und denke das weitere Gruppen in Untersuchung von Anna gestellt werden. Grüße Michi

  • ANZEIGE

    Liebe Actias-Gemeinde,

    bei diesem Thema werden bei mir weit offenstehende Türen eingerannt! Ich bin seit Urzeiten zu der Überzeugung gelangt, daß Hyles euphorbiae ein sehr plastisches Genom hat, das zur Folge hat, daß epigenetische Faktoren wie Biotop, Klima, Futterpflanzen etc. zu einer morphologischen Differenzierung führen, die allerdings eine belastbare Festlegung von separierten Arten (im Sinne von getrennten Fortpflanzungsgemeinschaften) nicht ernsthaft zuläßt. Demgemäß habe ich die 'Artenerfindung', insbes. von Eitschberger et al., stets mit einer - freundlich ausgedrückt - gewissen Zurückhaltung zur Kenntnis genommen. Umso erfreulicher ist es, wenn nun belastbare Untersuchungsergebnisse den vorgenannten Unsinn ad absurdum führen...

    In diesem Sinne, beste Grüße

    Ich lese die ganzen Beiträge erst heute, freue mich sehr über das Verständnis und danke herzlich. Natürlich tut es dem einen oder anderen weh "sein" Taxon verschwinden zu sehen, das tat mir zB für den herzkranken Paul Sammut auf Malta sehr leid, den ich auch persönlich kenne. Der ehemalige Artkomplex um Hyles euphorbiae war halt bei vielen auch ein emotionales Thema. Ja, und in der Tat, das Einströmen von Hyles euphorbiae Genabschnitten in einige andere Arten der Gattung ist weiterhin Thema von laufenden Untersuchungen, wobei eher das Verständnis der Prozesse im Vordergrund steht. Das sind langwierige Untersuchungen, die auch leider mit noch moderneren Methoden umso länger brauchen und mehr Vergleichsmaterial benötigen. Geduld ist hier angesagt. :winken:

    Ein gesundes 2023 und moin ! an alle Actianer, speziell an die Nomenklaturspezialisten !

    Gerne möchte ich das Thema nochmal aufgreifen. Um möglichst auf dem neuesten Stand zu sein, und aktuelle Erkenntnisse einfliessen zu lassen, möchte ich die Etiketten meiner kleinen Sammlung, speziell den Hyles-Komplex betreffend, neu erstellen.

    Da stellt sich mir die Frage, was schreibe ich nun als Artbezeichnung auf das Etikett ?

    Z.B. bei (bisher) Hyles cretica:

    Hyles euphorbiae ssp cretica ?

    Oder Hyles euphorbiae forma cretica ?

    Oder lasse ich cretica ganz weg, und definiere die Unterart/Form nur über den Fundort ?

    Danke schon mal für eure Antworten !

    LG, Hans

    Hallo Hans,

    ich stehe vor genau demselben Problem! Nach einiger Überlegung bin ich zum Schluß gekommen, daß es keinesfalls sinnvoll ist, zB. eine (bisherige) Hyles cretica als Art zu definieren. Weiterhin schließt sich eine Definition als 'Form' aus meiner Sicht grundsätzlich aus. Mit ganz viel Bauchschmerzen könnte man die Viecher von geografisch umschriebenen Regionen, wie zB. Inseln, wo über lange Zeiträume eine genetische Isolation stattfand, als 'ssp' ansprechen. Ich persönlich werde die Tiere künftig schlicht über den Fundort definieren und das Ganze als 'Hyles-euphorbiae-Komplex' firmieren lassen.

    GEDANKENEXPERIMENT:

    Man stelle sich vor, die Forscher würden auf den verschiedenen Galapagos-Inseln Hunderassen (deren Herkunft/Abkunft wohl bekannt sind) entdecken; auf einer Insel Pinscher, auf einer anderen Bernhardiner, dann wieder Dackel, usw... Wären diese Rassen als eine einheitliche Art, nämlich als Haushund, erkannt worden???

    In diesem Sinne, inspirirende Grüße,

    • Offizieller Beitrag

    Also im Paper steht "we choose not to recognize any formally named infraspecific taxa". Ich bin nicht 100 % sicher ob "infraspecific" in Bezug auf die "neue" Art Hyles euphorbiae oder im Bezug auf die vorher angenommene Taxonomie gemeint ist. Ich interpretiere das aber eigentlich deutlich so, dass alles unter Hyles euphorbiae zusammengefasst wurde, da auch keine Unterarten genannt werden, die von den Autoren anerkannt werden. Daher würde ich sagen trifft letzterer Ansatz zu:

    Oder lasse ich cretica ganz weg, und definiere die Unterart/Form nur über den Fundort ?

    Wie schon gesagt ist es aber auch für eine Sammlung nicht extrem wichtig, ob da jetzt Hyles cretica oder Hyles euphorbiae dransteht. Jeder der das Tier begutachtet und einen Hyles mit dem Fundort Kreta vor sich erkennt wird damit alle Informationen in den Händen halten die er braucht. Bestimmen oder einer Art zuordnen kann man das Tier immer solange die Fundortdaten genau und vollständig sind.

    GEDANKENEXPERIMENT:

    Man stelle sich vor, die Forscher würden auf den verschiedenen Galapagos-Inseln Hunderassen (deren Herkunft/Abkunft wohl bekannt sind) entdecken; auf einer Insel Pinscher, auf einer anderen Bernhardiner, dann wieder Dackel, usw... Wären diese Rassen als eine einheitliche Art, nämlich als Haushund, erkannt worden???

    Nun diese Frage hat verschiedene Ebenen. Die einfache Antwort wäre: Sehr wahrscheinlich ja. Wer keine Lust auf lange Texte hat sollte hier aufhören zu lesen.

    Tatsächlich haben sich andere eine ähnliche Frage auch schon gestellt, weswegen Joseph Camin eine taxonomische Gruppe erfunden hat (die Caminalcules), welche somit eine bekannte evolutionäre Vergangenheit haben. Diese Gruppe wurde und wird genutzt um verschiedene Methoden zu testen Phylogenien zu erstellen. In der Regel kommt man mit allen Methoden irgendwie nah dran, aber meistens unterscheiden sich die Methoden mehr oder weniger stark bei den feineren Details. Eine Kombination von Methoden bringt einen auf jeden Fall sehr nah dran. Dann ist aber jetzt sowieso die Frage, ob man eigentlich sagen kann, dass wir versuchen eine Art zu erkennen. Bzw. bevor wir bei der Art landen gibt es überhaupt "die wahre Phylogenie", den einen Weg wie alle Arten/Individuen miteinander verwandt sind. Ich schätze theoretisch gibt es den, aber der ist so unglaublich komplex, dass es überhaupt keine Chance gibt das je abzubilden. Durch Sachen wie Hybridisierung sieht ein realistischer(er) Stammbaum eher aus wie ein Netz als wie ein Baum. Und da haben wir bei den meisten Tieren noch den Luxus, dass horizontaler Gentransfer und asexuelle Reproduktion kaum eine Rolle spielen. Was nun die Arten angeht ist es offen zur Debatte ob es da überhaupt etwas gibt was man versuchen könnte zu erkennen. Viele (mich eingeschlossen) sind der Meinung, dass Arten keine natürliche Einheit darstellen, also nicht in dem Sinne real existieren. Es gibt Leute die anderer Meinung sind, aber bis jemand ein Artkonzept gefunden hat was aus der Artzuordnung eine ja/nein Frage macht, ist das denke ich wenig überzeugend. Das Thema ist komplex, deswegen ist das hier jetzt im wesentlichen langes, unverständliches Geschwafel. Um zu deinem Gedankenexperiment zurückzukommen: Ob die Arten alle als eine Art erkannt worden wären, hängt momentan davon ab, wie der Artbegriff definiert wurde und ein bisschen von der Überzeugung des Wissenschaftlers. Jedenfalls wäre mit Sicherheit erkannt worden, dass es sich um eine sehr nah verwandte Gruppe von Individuen handelt. Letztlich könnte man sich aber eben dann auch die Frage stellen, ob der Haushund überhaupt eine Art ist und könnte das nicht definitiv beantworten. Selbst wenn wir die komplette Abstammung kennen.

    Grüße Dennis

    Ich empfehle eigentlich die Etikettierung so zu lassen wie sie ist. Im allgemeinen ist ja bekannt was mit der ehemaligen Hyles cretica gemeint war und somit ist, auch wenn die Art nun H. euphorbiae genannt wird. Es könnte auch noch einmal zu Verschiebungen der Taxonomie kommen, wenn ich die ganzen ehemaligen robertsi aus Zentralasien dazu untersuche. Selber beziehe ich mich je nach Kontext auf Populationen der Art oder Ökoformen (two main ecotypes (‘euphorbiae’ and ‘tithymali’) in https://www.mdpi.com/1424-2818/13/5/207), die sich eben ökologisch unterscheiden, wie tithymali und euphorbiae. Was ich aber tunlichst vermeide, ist diese Zusätze kursiv zu schreiben, damit sie eben nicht mit Namen/taxonomischen Zuordnungen verwechselt werden.

    Zum Thema Hyles Hybride ist gerade eine weitere Arbeit in der Entstehung, aber psst, mehr verrate ich noch nicht! :upside_down_face:

    In der Zwischenzeit ist diese Arbeit ggf. noch von Interesse: https://www.mdpi.com/1424-2818/13/5/213

    Ich versuche taxonomische Änderungen wirklich erst dann durchzuführen, wenn ich sicher bin, daher hat es bei H. euphorbiae 19 Jahre gedauert. :face_with_rolling_eyes: Im Fall der ehemaligen Art H. apocyni (die urspünglich von Shchetkin 1956 als taxonomische Unterart von H. chamyla beschrieben und von Danner, Eitschberger & Surholt, 1998 zur Art erhoben wurde) sind mir ja andere Autoren implizit zuvor gekommen, Zolotuhin und Yevdoshenko 2019 verwenden das Wort "ökologische Unterart", und Kitching akzeptiert beides nicht, sondern schreibt von einer "environmentally induced form" https://sphingidae.myspecies.info/taxonomy/term/1280 , der Variante, der wir gefolgt sind. :emojiSmiley-189:

    Viele Grüße, Anna

    "Ich empfehle eigentlich die Etikettierung so zu lassen wie sie ist."

    Das ist auch inhärent logisch, denn zum Zeitpunkt der Etikettierung war die Bezeichnung so ja auch "korrekt". Das Objekt ist dann auch ein Zeitdokument. Ich will keine Vergleiche an den Haaren herbeiziehen, aber es gibt immer wieder politische bewegte Menschen, die meinen, wenn sie Zeitdokumente zerstören, dann änderten sie die Geschichte. Und mir fallen da nur ungute Beispiele ein. Hat hiermit aber nur am Rande zu tun, nur ein kleiner Exkurs.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!