Nationalpark Hainich

  • Am Wochenende bin ich im Hainich NP kartieren gewesen... Sonst gefährdet (Rote Liste 2), hier der häufigste Falter: der Goldene Scheckenfalter (Euphydryas aurinia). Innerhalb der zwei Tage haben wir zu siebt um die 700 Tiere gefangen, was vermutlich nur etwa 5% der Population an diesen Tagen entspricht.
    Die zweithäufigste Art stellt keine mindere Seltenheit dar: der Magerrasen-Perlmutterfalter (Boloria dia).
    Ich hatte keine Zeit zur Suche von anderen Arten - dennoch begegnete ich allein beiläufig insg. weiteren 5 Rote Liste - Schmetterlingsarten. So fand ich u.a. dutzende Raupen des Purpurbär (RL2), einer Raupe des Monfleck-Bürstenspinners (RL1), dutzenden Raupen des Kleespinners (RL V), einzelnen Raupennestern des Wolfsmilch-Ringelspinners (RL V) und Falter der Hofdame (RL1).
    Dazu kommen Raupen von argus, des Blutbärs, des Dunklen Grünwidderchens, Puppen vom Baumweißling etc.
    Einfach ein klasse Gebiet!
    Leider wohl nichtmehr so lange... Dem Prozessschutz werden wohl auch die aktuell noch wahnsinnig besonderen Magerrasen in ein paar Jahren/Jahrzehnten zum Opfer gefallen sein... :/

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  • Moin Rudi,


    wie es mit dem Grundbesitz bei Nationalparks aussieht, kann ich dir gar nicht sagen... Ich schätze mal die Flächen befinden sich im Eigentum des Landes (da ja auch früher als Truppenübungsplatz genutzt).
    Und bei dem Prozessschutz hat man, soweit ich weiß, leider keine Zielarten oder ähnliche Konzepte einfließen lassen. Das Ziel hier lautet schlichtweg Naturwald. Meines Wissens nach wurde einfach vor vielen Jahren mal eine Kernzone ausgewiesen, die dem Prozessschutz unterliegen soll und das wars. Die Grenze ist zwar wohl noch etwas flexibel - allerdings befinden sich die großen Magerrasenflächen u.a. mit der riesigen aurinia Population sicher innerhalb dieser Kernzone.
    So ist zumindest mein Stand der Information, der wiederum über zwei Ecken auf Interna des NPs beruht.

  • Tja, da merkt man, dass sich mal wieder die richtigen Entscheidungsträger richtig viel Gedanken gemacht haben.
    Die Deutschen lieben Schwarz/Weiß, gerade Staatsbedienstete. Ein Mittelweg verursacht meist nur Kopfschmerzen und wäre in vielen Fällen viel zu logisch.
    Oft sogar günstiger und das geht nun gar nicht. :ironie:

  • Werte Kollegen,
    Bei allem Verständnis für: "Die Deutschen lieben Schwarz/Weiß, gerade Staatsbedienstete"; (ich habe diese Tage mein 40 jähriges Dienstjubiläum als Forstbeamter und eigenen reichen Erfahrungsschatz ), seit Ihr sicher hinsichtlich des wunderbaren Magerrasen?
    Habe einen kurzen Blick in das Gesetz vom 19.12.1997 über die Festlegung des NP geworfen.
    Hiernach sind Teilflächen des NP weiterhin für die Beweidung (mit Hunden => Schafe?) vorbehalten.
    Habe mir das Panorama-Bild etwas genauer angesehen. Bei einer Stilllegung mit Prozessschutz seit 1997 wäre ein Halbtrocken-Rasen im Hegengäu / Kraichgau (Ba-Wü) nach 20 Jahren mit deutlich mehr Gehölzen bestanden; auch zeigen die Weißdorn "seltsame" Wuchsbilder, welche m.E. auf Verbiss (durch Schafe?) hindeuten.
    Da ich trotz "Staatsdiener" die Schwarz / Weiß - Sicht / Vorgehen auch nicht sehr mag, sollte kein vorschnelles Urteil gefällt werden.
    Ich hoffe, dass ich zumindest teilweise Recht haben könnte und in diesem Fall ein differenzierter "Pflegeplan" für den NP vorliegt und der Prozessschutz sich nur / vorrangig auf die vorhanden Buchenwälder bezieht.
    Wäre wirklich mehr als bedauerlich falls ihr Recht hättet.
    Beste Grüße Armin

  • Also ich wollte hier eigentlich weniger eine Diskussion über den Unsinn loslösen, den die die im NP verzapfen, als eher über die Schönheit des Gebiets aktuell. Nach aktuellem Stand ist das Gebiet ja wirklich echt klasse. Und was den Prozesschutz anbetrifft, wird tatsächlich auf dem meisten Flächen aktuell noch (Schaf-)beweidet und meinens Wissens ist die Grenzen für den genauen Verlauf der Prozessschutzgrenzen noch nicht beschlossen. Aber sie existieren intern, sollen definiv umgesetzt werden und werden sicher auch einen Großteil der Magerrasenflächen betreffen (eben wie gesagt, der Teil, wo ich unterwegs war, liegt aktuell innerhalb besagter Grenze). Wann nun tatsächlich die Flächen zum Prozessschutz konkretisiert werden, ist vielleicht noch offen - es sollte aber wohl nichtmehr in allzu großer Ferne liegen.
    Ich denke auch nicht, dass bestimmte Arten o.Ä. eine große Auswirkung auf die Entscheidung haben werden - der NP hat wirklich sehr gute Daten diesbezüglich vorliegen. Es würde mich wundern, wenn ich hier eine Art ausgraben würde, die dem NP noch nicht bekannt ist und zum Umdenken anregt.


    Grundsätzlich muss man sagen, dass ja auch wirklicher Naturwald wirklich positiv für die Artenvielfalt sein kann. Es gibt mittlerweile Untersuchungen, die zeigen, dass die Artenvielfalt steigt, je mehr Wald sich im Gebiet befindet. Allerdings darf man hierbei eben nicht an unsre guten deutschen Fichtenforste denken...
    Aus meiner Sicht wäre es das Beste, wenn einfach Parzellen aus Magerrasen erhalten werden. In Verbindung mit Waldhabitaten könnten hier vllt eine Vielzahl an Arten profitieren.
    Sollten wir lieber mal versuchen, auch in anderen gegenden Deutschlands überhaupt erst einmal solch einen großartigen Magerrasen zu erhalten - dies ist schließlich (neben der Nutzung durch das Militär) auch erst einmal der Verdienst des NPs.


    Positiv muss man hier übrigens noch anmerken, dass es hier eine wirklich hohe Wild-Dichte gibt. Rehe, Rotwild, Schweine etc. habe ich zuhauf angetroffen. Auch dies vermutlich ein positiver Faktor, der die Gebüsche und die Sukzession etwas aufhält.

  • Hallo Toni,
    viele Deiner Aussagen kann ich mittragen und über die Problematiken der Wald- u. Forstwirtschaft der letzten 150 Jahre könnte ich Dir -berufsbezogen- ein dickeres Buch erzählen.
    Die hohe Wilddichte ist aber keinesfalls positiv zu bewerten.
    Die Auswirkungen auf den Verbiss durch Rotwild / Rehe auf die natürliche Vegetation sind -bei hohem Wildstand- verheerend.
    So werden Kiefern und Fichten von beiden Arten nicht verbissen sondern die Laubhölzer; Rehe haben u.a. auch Vorlieben für verschieden Orchideen-Arten u.s.w.
    Die Sukzession läuft deshalb weiter, nur dass die Nadelhölzer "gewinnen".
    Dann lieber regelmäßige Beweidung und zielorientierte Pflege der Magerrasen-Flächen.
    Nur so kann -aus Gründen der Erhaltung einer hohen Artenvielfalt- der unnatürliche Zustand erhalten werden und die Bewaldung durch Sukzession verhindert werden.
    Er erscheint zwar widersinnig, aber die meisten Arten können -in unserem übervölkerten Land- nur noch dadurch überleben, dass natürliche Entwicklungen gezielt verhindert wird.
    (PS: Deutschland wäre ohne Menschen eine fast geschlossene Waldfläche bei der die Rotbuche auf großen Flächen die vorherrschende Baumart wäre).


    Dennoch ein sehr schönes und interessantes Gebiet; der ehemaligen militärischen Nutzung sei dank. Jetzt aber genug zu diesem Thema


    Beste Grüße Armin

  • Nochmal ein paar Bilder aus dieser Woche. Ich wiederhol nochmal, alle Funde entstanden wirklich durch Zufall, quasi fast ausschließlich während ich einen aurinia im Netz hatte und diesen heraus holte. Die wenigen Sekunden reichen für einen Blick in die Umgebung - und können mehr als überzeugen. Es ist einfach Wahnsinn. Mittlerweile findet man überall die Nester von Saturnia pavonia. Sobald man einmal kurz steht, ein Bild aufnimmt oder nen Falter aus dem Netz holt, tauchen überall in der Vegetation weitere Raupen auf. Für Thüringen waren jetzt mind. 2 RL 1-Arten, 5 RL 2-Arten und nochmal 2 RL 3-Arten dabei. Das an nur 4 Tagen quasi per Zufallsfund (als Ausnahme Paranthrene tabaniformis als RL 1 durch Pheromonanflug). Und diese sind zumeist keine Einzelfunde - sondern treten wirklich in hoher Stückzahl auf...
    Anbei einfach mal ein paar weitere Eindrücke durch Bilder.


    Aurinia fliegt hier mit mehreren zehntausend Tieren:

    Pavonias findet man gerade an einigen Stellen an Schlehe und Weißdorn:

    Malacosoma rubi:

    RL 2 - Eriogaster lanestris:

    Tyria jacobaea sieht man ab und zu rumfliegen:

    RL 2 - Gynaephora selenitica sitzt als Raupe und Falter auch an vielen Stellen:

    Und das...Trichiura crataegi ?

    ...auch diverse Schecken- und Perlmuttfalter

    Malacosoma castrensis und Arctia caja:

    Saturnia pavonia und Gynaephora selenitica:

    Noch ein paar Beispiele aus der Gruppe der Glasflügler, für die ich aktiv Pheromone eingesetzt habe
    Eusphecia melanocephala:

    RL 1 - Paranthrene tabaniformis:

    Synanthedon vespiformis:

    Chamaesphecia empiformis:


    PS.: ich weiß jetzt auch ein bisschen mehr zu den Prozessschutz-Flächen. Ich will nicht zu viel Internes nach draußen tragen, nur so viel: die Verhandlungen zum Grenzverlauf finden noch statt. Involviert sind Personen aus mehreren Interessensgebieten - Forst ist u.a. eines der Gebiete. Ein Großteil der Magerrasenflächen (und vollständig alle hier gezeigten) wären aktuell durch den Prozessschutz abgedeckt.

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  • Zwar ein anderes Thema - aber nur interessehalber: wie wurde es dann zuvor bewirtschaftet? Ich höre nur so oft, dass die Schafe doch so wichtig für die Deiche und den Küstenschutz sind... Wäre davon ausgegangen, diese Beweidung existiert "schon immer"?

  • Moin Toni,
    die Schafe kamen grossflächig erst ab ca. 1970. Sie sollen tatsächlich die Oberfläche härten und die Kaninchen von den Deichen weghalten. letzteres tun sie wohl nicht so gut (eigene Beobachtungen). Eine kommerzielle Verpachtung ist aber auch nicht schlecht!? Jedenfalls tragen die Deiche heute nur noch Weidegras und es fehlt die Artenvielfalt bei den Pflanzen komplett. Also gibt es auch so gut wie keine Insekten auf den Deichen mehr.
    Grüsse von der Nordseeküste
    Ulrich

  • So, mal wieder ein paar aktuelle Bilder-Eindrücke. Derzeit kann man schön die Grenzen der Flugzeiten beobachten. Die Flugzeit von B. dia ist schon komplett durch, die von E. aurinia mittlerweile auch in den meisten Gebieten. Dafür haben nun Coenonympha arcania, Aporia crataegi und Plebejus argus die ersten 3 Ränge erobert und sind vermutlich aktuell die individuenstärksten Arten auf vielen Flächen. Auch die Flugzeit von Argynnis aglaja setzt nun ein. Die Raupenvielfalt nimmt jedoch langsam ab - purpurata sind wohl mittlerweile verpuppt und trifolii ist auch nur noch ganz vereinzelt zu finden. Castrensis ist noch stetig anzutreffen. Caja wird auch größer und pavonia vereinzelt sich nun.
    In den Bilder auch mal ein Ausschnitt einer Fläche, die außerhalb des geplanten Prozessschutzes liegt - hier wird noch regelmäßig beweidet. Teilweise gleichen die Flächen der schwedischen Alvar - quasi keine Bodenschicht vorhanden.


    Ach ja, und auch für die Ornis ist hier natürlich ordentlich was geboten. Neuntöter wohin man schaut. Pirole, Grauammern, Sperbergrasmücken, Wachtel, Wachtelkönig etc etc. Das nur so am Rande ^^


    "Alvar":


    Blütenreichtum:

    Plebejus argus aktuell sehr häufig und teilweise mit mehreren dutzend Tieren an feuchten Wegstellen/ Kot

    Hier auch zusammen mit Polyommatus amandus:

    G. selenitica Weibchen:

    S. pavonia überall vereinzelt anzutreffen:

    Und wiedereinmal ein paar Glasflügler: Synanthedon formicaeformis und spheciformis:

  • N'Abend,


    vielleicht nur noch einmal ein kurzer Beitrag der Vollständigkeit halber.
    Die letzten Tage ist mir doch tatsächlich Gynaephora fascelina (Rote Liste 1 in Thüringen) geschlüpft... Scheinbar habe ich da die Raupen mit der dort ebenfalls häufigen selenitica (RL2) verwechselt, da ich die Art absolut nicht auf dem Schirm hatte (übrigens beide nicht geschützt). Im Nachhinein zeigt sich auf den Bildern, dass ich tatsächlich immer mal wieder Raupen von fascelina mit dabei hatte...
    Also eine weitere Art der Roten Liste kann dem Gebietsinventar zugeschrieben werden. Beeindruckend. Wenn man schon durch Zufall eine RL1 findet und sie mit der ebenfalls häufigen Rl2 verwechselt.... :thumbup:

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