October 17, 2021 at 1:51 PM - Posts: Plädoyer für alte Steinbrüche, Gruben und Tagebauflächen, Title: Entomological reports
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~Plädoyer für alte Steinbrüche, Gruben und Tagebauflächen~
Ehem. Steinbrüche, Gruben und Tagebauflächen gehören in Deutschland mit zu meinen Lieblingsgebieten. Häufig sind sie ein lokaler Hotspot der Biodiversität und bieten Habitate für zahlreiche stark gefährdete Arten. In unsren heutigen intensiven Agrarlandschaften verinseln natürliche, nährstoffarme und magerwüchsige Standorte mehr und mehr. Nur selten findet man noch trockenwarme Standorte mit hohem Offenbodenanteil vor, wie sie für artenreiche Trockenrasen typisch sind. All dies können jedoch die erwähnten Abbauflächen bieten: durch die fehlende oder nur ganz geringe Oberbodenauflage herrscht extreme Nährstoffarmut. Hinzu kommt ein hoher Offenbodenanteil, wodurch sich bestimmte Bereiche sehr stark erhitzen und extreme Mikroklimate entstehen lassen. All dies sind notwendige Voraussetzungen für zahlreiche stark gefährdete und konkurrenzschwache Arten, welche in einer normalen Wiese von dominanten Gräsern und Kräutern einfach verdrängt werden würden. Begünstigt wird das vorteilhafte Mikroklima zudem durch die Hangneigungen, die hier nebenbei auch noch Lebensraum für unzählige Wildbienenarten bieten, die hier in den Wänden ihre Brutröhren anlegen. Auf verlassenen Abbauflächen bildet sich über viele Jahre hinweg eine Sukzessionsgesellschaft auf, die zunächst aus Büschen besteht und nach und nach mit Weichhölzern wie Birken, Weiden und Pappeln durchsetzt wird. Weiden und Pappeln wiederum sind die beiden Arten, die für den Großteil aller heimischen Schmetterlingsarten als Nahrungspflanze dienen. Ihre Blüten ernähren zudem im Frühjahr eine Vielzahl an Blütenbestäubern. Zu vermeiden wäre nur das vollständige Zuwachsen der Flächen, da dann der Vorteil der trockenwarmen Standorte verschwindet und die hieran angepassten Arten wieder verschwinden. Es sollten somit immer größere Flächen und insb. die Südhänge von großen Büschen und Bäumen freigehalten werden.
Gestern beispielsweise war ich in einem ehem. Kalksteinbruch bei Braunschweig unterwegs. Die Sukzession ist hier schon zu weit fortgeschritten, sodass trockenwarme Arten nur noch durch einzelne Pflanzen aufzufinden waren. So findet sich hier zB. noch immer eine großere Anzahl an Fransenenzian und Odermennig. Den Vorteil der Weichhölzer erkennt man an den Schmetterlingsarten: innerhalb von knapp 2 Stunden konnte ich 8 Raupen des in Niedersachsen stark gefährdeten Kleinen Eisvogels, 11 Raupen vom ebenfalls stark gefährdeten Großen Schillerfalter und 1 Sitzblatt vom vom Aussterben bedrohten Kleinen Schillerfalter auffinden. Der recht dichte Buchenwald, der den Steinbruch umgibt, bot wiederum keinerlei Fläche für Weiden und Pappeln, wodurch die Steinbruch wirklich ein kleines Refugium in der größtenteils ungeeigneten Normallandschaft darstellt...
Übrigens: interessant ist auch die Lage der Funde (siehe Karte)...nahezu alle Tiere wurden im beschatteten Süden der Grube gefunden - man sieht also schön die klimatischen Präferenzen v.a. vom Großen Schillerfalter...
Zahlreiche Raupen des Großen Schillerfalters an den wunderbar bunten Weiden...
...auch Fraßspuren vom Kleinen Eisvogel waren überall zu sehen...
...dazu dann auch noch die Hibernarien mit den Raupen...
...hier noch ein recht frisches...
...Fraßspuren von A. iris...
...und die zugehörigen Raupen. Teils bis zu 3 Stück an einem Zweig.
Zuletzt auch noch mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Sitzblatt vom Kleinen Schillerfalter.