Ausgestorben

  • Hallo zusammen,

    vor einer Weile ist mir irgendwie in Literatur vertieft der Gedanke in den Sinn gekommen, dass ich persönlich ziemlich wenig über die Schmetterlingsarten weiß, die in Deutschland ausgestorben sind. Warum sollte man sich damit auch beschäftigen? Die sind hier ja eh ausgestorben, ich kann das Wissen darüber also nicht mehr zur Suche oder für deren Schutz anwenden. Die Vergangenheit kann einem andererseits auch immer irgendwas über die Zukunft vermitteln, also habe ich ein bisschen angefangen mir die Artenliste zusammenzustellen und Informationen zu sammeln. Ich bin noch nicht durch alle Arten durch, aber mir sind jetzt schon viele Punkte aufgefallen die daran sehr interessant sind und von denen ich denke, dass sie einem viel über die Entwicklung der Biodiversität und den Artenschutz verständlich machen können. Sowohl über Dinge die wir vielleicht nicht beeinflussen können, als auch über diese die wir beeinflussen können. Darüber was wir wissen und nicht wissen und wie wir damit in die Zukunft blicken können. Ich möchte daher diese Überlegungen mit euch teilen und zu jeder Art (fast, die Sackträger hab ich rausgelassen) die momentan (Stand der jeweiligen Roten Liste von 2007 bis 2011) in Deutschland als ausgestorben gelten einen Überblick über die Ansprüche der Art, die Bestandsentwicklung und wenn möglich den Grund des Aussterbens geben. Es wird denke ich interessante Einzelfälle geben aber es werden auch Muster erkennbar werden.


    Ich versuche ungefähr jeden Tag eine Art zu behandeln, je nach dem wieviel Zeit mir zur Verfügung steht. Ich will das ganze versuchen nicht unnötig auszudehnen. Interessantere Arten haben mal etwas mehr Text und manche vielleicht auch sehr wenig, mangels zugänglicher Information. Ich bitte zu entschuldigen, dass ich nicht die Zeit habe daraus eine wissenschaftlich akkurate Abhandlung zu machen. Ich habe keine erschöpfende Literaturrecherche durchgeführt und werde auch nur hier und da Quellen zitieren. Das ganze mag also von meiner persönlichen Interpretation gefärbt sein und Fehler enthalten. Wenn jemandem grobe Fehler auffallen werde ich diese korrigieren. Ich möchte im Wesentlichen etwas Aufmerksamkeit für den Artenschutz generieren und hoffe dass der ein oder andere etwas lernen kann (mich eingeschlossen).


    Da es unangenehm viele Arten sind und der Thread etwas länger werden könnte, würde ich darum bitten eventuellen Diskussionsbedarf in einen separaten Thread auszulagern. Falls hier Beiträge kommen würde ich die auch dorthin verschieben. Das soll der Übersichtlichkeit dienen.


    Der Einstieg folgt in Kürze...


    Grüße Dennis

  • https://www.exotic-insects.com
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  • Noch eine kurze allgemeine


    Einführung


    In Deutschland werden momentan etwa 2 % der Tagfalter und etwa 4 % aller Nachtfalterarten als ausgestorben betrachtet. Das sind in absoluten Zahlen 49 Nachtfalterarten und 4 Tagfalterarten. Besorgniserregende 40 % der bewerteten Nachtfalter und etwa 30 % der Tagfalter werden als gefährdet (RL Kategorie 1, 2 und 3) eingestuft. Das umfasst nur die klassischen "Macrolepidoptera", dass der nicht taxonomisch abgetrennte Kreis der "Microlepidoptera" völlig untererfasst ist dürfte keiner Erklärung bedürfen. Die Zahlen beruhen wiederum auf den Roten Listen Deutschlands die beim Rote Liste Zentrum eingesehen und heruntergeladen werden können (www.rote-liste-zentrum.de).


    Dazu muss man sagen, dass die Roten Listen nicht unbedingt das beste Mittel der Wahl sind, um die Gefährdungssituation z.B. der Schmetterlinge insgesamt abzuschätzen. Viel dramatischer ist nämlich auch der Rückgang an den regionalen Artenzahlen und der Rückgang der Abundanz (Individuenstärke) verbreiteter Arten. Als Beispiel: Eine kürzlich erschienene Studie (Karbiener & Trusch, 2022) hat in Baden-Württemberg 25 Quadranten auf ihre Nachtfalterdiversität untersucht und mit Daten aus dem letzten Jahrhundert verglichen. Die Artenzahl im Zeitraum 2001 bis 2020 war gegenüber dem von 1971 bis 2000 um 12 % zurückgegangen. Die Roten Listen erfassen vor allem Arten für die es "fast schon zu spät ist". Das liegt daran, dass eine beliebige Art flächige Bestandseinbrüche erleiden kann, trotzdem immer noch in allen Bundesländern verbreitet sein kann und daher eventuell noch als "nicht gefährdet" gilt. Gleichfalls kann eine Art extrem verinselt vorkommen, dort aber einigermaßen gute Bestände ausbilden und damit wiederum als "nicht gefährdet" gelten. Wie immer ist daher ein Maß nicht das Maß aller Dinge. Die ausgestorbenen Arten sagen uns sowieso erstmal nicht viel über den Gesamtzustand der Biodiversität, da zuerst Spezialisten mit besonderen Anforderungen und von Natur aus kleinen Verbreitungsgebieten aussterben. Außerdem sterben einzelne Arten meistens sehr graduell über lange Zeiträume aus. Gleichzeitig kommt das Aussterben über alle Arten betrachtet aber wohl in "Wellen", wenn gewisse Kipppunkte erreicht sind (siehe dazu Habel et al., 2022 "Breakpoints in butterfly decline in Central Europe over the last century"). Das bedeutet es könnten gerade noch eine Menge Arten auf der Kippe stehen die demnächst alle über die Klippe springen.


    Der Übersichtlichkeit halber bitte ich hier nochmals darum eventuellen Diskussionsbedarf in den Diskussions-Thread auszulagern, der hier zu finden ist.


    Inhaltsverzeichnis

    1. Colias myrmidone (Myrmidone Gelbling)
    2. Lamprosticta culta (Schmuckeule)
    3. Cabera leptographa (Urbahns Weißer Weidenspanner)
    4. Catocala pacta (Bruchweidenkarmin)
    5. Eriogaster rimicola (Eichen-Wollafter)
    6. Tiliacea sulphurago (Schwefel-Gelbeule)
    7. Acossus terebra (Pappelbohrer)
    8. Amphipyra cinnamomea (Zimt-Glanzeule)
    9. Zygaena cynarae franconica (Haarstrang-Widderchen)
    10. Panchrysia deaurata (Große Wiesenrauten-Goldeule)
    11. Macaria carbonaria (Bärentrauben-Bänderspanner)
    12. Conistra veronicae (Eintönige Wintereule)
    13. Eupithecia breviculata (Bibernell-Berghaarstrang-Blütenspanner)
    14. Calyptra thalictri (Wiesenrauten-Kapuzeneule)
    15. Pyrgus onopordi (Ambossfleck-Würfel-Dickkopffalter)
    16. Stegania dilectaria (Hain-Pappelspanner)
    17. Ocneria rubea (Rostspinner)
    18. Diacrisia metelkana (Sumpfbär)
    19. Orbona fragariae (Große Wintereule)
    20. Eupithecia pauxillaria (Zahntrost-Blütenspanner)
  • So jetzt aber los. Die erste Art ist eine wahrscheinlich vielen bekannte und sehr besondere. Ich denke sie ist ein guter Start. Keine Sorge, so viel Text gibt es wahrscheinlich nicht nochmal.


    Colias myrmidone (Myrmidone Gelbling)


    Letzter Nachweis: 2001


    Die Art besiedelt wärmebegünstigte, trockene Steppenbiotope mit eingestreuten Gehölzanteilen. Die deutschen Vorkommen, welche ausschließlich in Bayern lagen, waren Kalkmagerrasen die als „komplexe Wald-Weide-Landschaften“ bezeichnet wurden. Die Nahrungspflanze war dort der Regensburger Geißklee (Chamaecytisus ratisbonensis) welcher wie der Gelbling eine östlich-kontinentale Verbreitung hat. Offenbar ist das Mikroklima für die Larvalentwicklung sehr wichtig, da die Raupen vor allem im westlichen Teil des Verbreitungsgebietes sehr wärmebedürftig sind. Über die Larvalökologie ist nicht genügend bekannt, es wird vermutet, dass die Raupen frische Triebe benötigen (auch während der Überwinterung) und daher auf die Beweidung der Nahrungspflanzen angewiesen sind. Leider wird der Geißklee gleichzeitig besonders stark von Weidetieren gefressen und Beweidung kann daher vermutlich auch zu hoher Mortalität führen. Stark zu betonen ist daher, dass die Art auf die mosaikartige Nutzung großer Flächen angewiesen ist. Nur dadurch entstehen die reich strukturierten Landschaften, welche diese Art benötigt und es stehen außerdem immer Flächen zum Ausweichen zur Verfügung.


    Die Vorkommen in Bayern waren zuletzt nur noch auf zwei getrennte Areale beschränkt. Eines bei München, was schon um 1960 ausstarb und das andere bei Regensburg, welches von 20 besiedelten Flächen um 1960 auf nur noch 3 im Jahr 1996 schrumpfte. Dort starb Colias myrmidone 2001 trotz Schutzgebieten endgültig aus. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um das am besten dokumentierte lokale Aussterben einer Schmetterlingsart in Europa. Denn leider steht es um die anderen Populationen im westlichen Verbreitungsgebiet nicht so viel besser. Auch in Österreich, Tschechien, Ungarn, Slowenien, Kroatien und dem Baltikum, sowie großen Teilen Südosteuropas ist die Art mittlerweile ausgestorben. Nur in Polen, der Slowakei und Rumänien sind noch Reliktpopulationen vorhanden. Für Deutschland sind die Gründe für den starken Rückgang und letztlich das Aussterben wohl vor allem die Isolation und Fragmentierung der Habitate, wodurch die genannten Rückzugsräume verloren gehen. Extensive Bewirtschaftung ist nötig, sonst wachsen die Flächen zu (eine weitere Gefährdungsursache), aber die Bewirtschaftung kann durch Abfressen der Nahrungspflanzen oder kurzfristige Änderung des Mikroklimas auch die Mortalität erhöhen. Ausweichflächen sichern, dass jederzeit wenigstens einige Flächen in idealem Zustand bestehen und eine erfolgreiche Reproduktion ermöglichen. Eine Nutzungsintensivierung z.B. durch zweischürige Mahd aber auch intensive Beweidung auf großen Flächen führt zum Verschwinden des Geißklees. Dieser verträgt keine Mahd und die Mortalität der Gelblinge ist vermutlich ebenfalls extrem hoch. Zuletzt ein offensichtlicher Grund für das Verschwinden ist die Aufforstung der Habitate. Zwar ist eine lockere Durchmischung mit Wald- und Gebüschanteilen förderlich für C. myrmidone, aber insbesondere magere Wiesen werden, wegen ihrem geringen Ertrag für die Landwirtschaft, häufig völlig der Forstwirtschaft zugeschlagen. Dadurch geht natürlich das Habitat komplett verloren. Zu guter Letzt wird auch dem Klimawandel noch ein kleiner Anteil zugeschrieben, da möglicherweise die verringerte Kontinentalität sich besonders in der Überwinterungsperiode ungünstig auswirkt. Diese Einflüsse sind aber noch unzureichend verstanden und auch in der Ökologie existieren trotz viel Forschung noch einige Lücken. Zum Beispiel welche Habitatgrößen nötig sind, wie hoch die Reproduktions- und Mortalitätsraten unter Einfluss verschiedener Faktoren sind und welche Strukturen in den Habitaten wie von der Art genutzt werden.


    Es gibt eine Menge Literatur zu dem Thema, da das ganze auch europaweit weiter wichtig ist, um die Art hoffentlich stabilisieren zu können. Wer mehr dazu lesen will, dem empfehle ich den Aktionsplan für die EU-Komission dem ich auch vieles für diesen Beitrag entnommen habe. Da steht einiges interessantes zum Lesen drin. Kann denke ich auch vieles generell auf Insekten übertragen werden.


    Ich finde leider keine Seite der EU-Komission die ich verlinken kann, aber wer den Titel in eine Suchmaschine eingibt wird einen Link finden der das PDF direkt herunterläd.

    Marhoul, P. & Dolek, M. (2010): Action plan for the conservation of the Danube Clouded Yellow Colias myrmidone in the European Union. – European Commission, 36 S.


    Danke an Josef (Josef 6764) der diese Habitatfotos der letzten Vorkommen bei Regensburg/Kallmünz zur Verfügung gestellt hat

  • Lamprosticta culta (Schmuckeule)


    Letzter Nachweis: 1987


    Noch bis in das 20. Jahrhundert weit verbreitet (aus 8 Bundesländern gemeldet) erlitt diese Art starke Arealverluste und die Anzahl an Vorkommen nahm bis 1950 rapide ab. Zwischen 1950 und 1960 in fast allen Bundesländern ausgestorben, wurde sie Mitte der 70er Jahre nochmals in Brandenburg „wiederentdeckt“ wobei dies eher der verstärkten Nachsuche zugeschrieben wird. Leider war der Optimismus und die Hoffnung endlich nochmal die Möglichkeit zu bekommen die Ökologie untersuchen zu können nur von kurzer Dauer. Seit 1987 wurde auch dort kein Lebenszeichen mehr registriert, sodass auch diese Population als ausgestorben eingestuft werden musste. Am Beispiel dieser Art verdeutlicht sich sehr gut, dass es von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit ist die Ökologie einer Art zu verstehen, um diese effektiv schützen zu können. Die Gründe für das Aussterben in einem so kurzen Zeitraum liegen nämlich weitgehend im Dunkeln. Lamprosticta culta besiedelte offenbar extensiv bewirtschaftete, wärmebegünstigte Streuobstwiesen und Gebüsche an Wegrändern, Magerrasen und Waldrändern. Selbst zum Habitat sind die Angaben spärlich und die Nahrungspflanzen wurden auch nur selten überliefert. Aus dem heutigen verbleibenden Verbreitungsgebiet sind verschiedene Sträucher und Bäume aus der Familie der Rosaceae bekannt wie etwa Schlehe, Weißdorn, Pflaume, Apfel, Birne und Kirsche. Zur Lebensweise der Raupen scheint nach wie vor wenig bekannt zu sein. Die ältere Literatur vermutet, dass starker Flechtenbewuchs der Nahrungspflanzen wichtig als Verstecke für die Raupen ist und als Eiablageplatz dient. Dieser Umstand wird auch als möglicher Grund für das Aussterben geliefert, denn der starke Flechtenbewuchs ging offenbar zurück oder wurde von Obstbauern sogar gezielt entfernt. Ob das der einzige Grund ist, erscheint zweifelhaft. Unter Umständen spielte hier generelle Nutzungsintensivierung (Pestizideinsatz im Obstbau?) und vielleicht auch der Verlust von Heckenreihen in der Landschaft eine Rolle. Dies wird Spekulation bleiben müssen, falls dies nicht noch im restlichen Verbreitungsgebiet untersucht werden kann.

  • Cabera leptographa (Urbahns Weißer Weidenspanner)


    Letzter Nachweis: 1987


    Cabera leptographa ist eine etwas misteriöse Art. Sie wurde aus Asien (Usbekistan) beschrieben und erst 1950 an der Havel in Brandenburg entdeckt. Bis in die späten 1970er Jahre wurden noch einige weitere Funde in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern vermeldet. In derselben Zeit wurden auch Vorkommen im Baltikum und in Österreich bekannt (gut dokumentiert wurden die Funde in Mitteleuropa von Ernst Urbahn, dem Entdecker in Deutschland). Ein einzelnes Exemplar wurde 1987 im westlichen Bayern an der Donau gefunden. Danach rissen weitere Meldungen ab. In Mitteleuropa waren die Fundorte stets Feuchtwiesen, welche an Auwälder angrenzten. Die Nahrungspflanzen waren dort schmalblättrige Weiden-Arten, vor allem wohl Salix repens. Zum Habitat findet Erwähnung, dass es sich (zumindest in Brandenburg) um Niedermoore nach Nutzungsaufgabe gehandelt haben soll, welche in einem frühen Sukzessionsstadium mit Weidengebüsch bestanden waren. Insgesamt ist Cabera leptographa wohl eher östlich-kontinental bis in das Amur-Gebiet verbreitet. Ob es sich bei den mitteleuropäischen Funden um eine Ausbreitungs- und folgende Rückzugsbewegung gehandelt hat oder die Art früher einfach übersehen wurde bleibt unklar. Die Art ist den beiden anderen heimischen Cabera-Arten sehr ähnlich, weswegen es nicht unplausibel erscheint, dass die Art einfach nur kurz vor ihrem Aussterben erst entdeckt wurde. Die ebenfalls von einigen Autoren vertretene Hypothese es handele sich um eine Einschleppung, wird von den meisten als unplausibel abgelehnt und scheint anhand der Historie mehr als unwahrscheinlich. Da Cabera leptographa wie erwähnt schwer zwischen den anderen Cabera-Arten zu entdecken ist und viele die Art nicht auf dem Schirm haben dürften, bestand eine Weile die Hoffnung, dass sie wieder auftauchen würde. Bislang ist das jedoch nicht eingetreten.

  • Catocala pacta (Bruchweidenkarmin)


    Letzter Nachweis: 1953


    Offenbar war Catocala pacta entlang der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein (nur Holstein) verbreitet. Viele detaillierte Fundortangaben gibt es nicht, die meisten Berichte finden sich über Vorkommen in Holstein. Die Art wurde dort Mitte des 19. Jahrhunderts sowohl als Falter als auch als Raupe gefunden. Auch wenn sie wohl in Deutschland schon damals nur lokal auftrat, nahmen die Bestände Berichten zufolge um 1900 deutlich ab. Als Habitat wurden dort Moore und Moorheiden angegeben, in denen Catocala pacta wohl an Weiden-Arten gelebt hat (Warnecke gibt „Wollweiden“ an, welche Art damit gemeint ist, ist mir unklar. Salix lanata kommt in Deutschland nicht vor; An dieser Stelle sei die Wichtigkeit der Verwendung wissenschaftlicher Namen betont). Die Art hat in Mitteleuropa ihre Verbreitungswestgrenze und ist ansonsten eher östlich-kontinental vom Ostseeraum (Schweden, Finnland, Baltikum, Polen) bis ins Amur-Gebiet verbreitet. Der Grund des Aussterbens ist unbekannt. Warnecke (1912) der um 1900 über das Verschwinden an der Niederelbe berichtet schreibt „Menschliche Einwirkung kann hier wohl kaum in Frage kommen“. Seine Einschätzung begründet er jedoch nicht und sie scheint angesichts des Lebensraumes fraglich. Moore und Heidemoore gehören hierzulande zu den am stärksten gefährdeten und dezimierten Biotoptypen, wenn auch die großflächige Zerstörung im Norden Deutschlands erst etwas später (um 1940) einsetzte. Klimatische Faktoren könnten natürlich ebenso eine Rolle gespielt haben. Dazu wäre es interessant wie die Bestandssituation in anderen Ländern des Ostseeraums (besonders Polen) aussieht, worüber ich nichts in Erfahrung bringen konnte.


    Update: Danke an Frank (Schnägge), der mich auf die Seite der polnischen Roten Liste (?) aufmerksam gemacht hat. Offenbar konnten sich in Polen noch einige Restvorkommen halten. Als Gefährdungsursache wird dort, wie vermutet, die Entwässerung und Zerstörung der Moore für die landwirtschaftliche Nutzung angegeben. Damit treten für mich mögliche klimatische Faktoren in den Hintergrund, wobei die letzten Vorkommen durchaus auch im kühleren, kontinentaleren Nordosten Polens liegen.

  • Eriogaster rimicola (Eichen-Wollafter)


    Letzter Nachweis: 1974


    Wieder eine Art die um die Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhunderts noch lokal häufig gefunden wurde. Über eine Population in einem Wildpark bei Karlsruhe wird berichtet „die Raupen findet man in Anzahl im Mai an den Eichenstämmen des Wildparks“ (Gauckler, 1896). Bis zu 50 Raupen sollen dort regelmäßig gefunden worden sein. Auch aus Frankfurt heißt es „überall in unserem Stadtwald“ (Koch, 1856). Das Gesamtverbreitungsgebiet in Deutschland reichte bis nach Norddeutschland. Nur kurze Zeit später häufen sich jedoch Meldungen des Rückgangs. „Früher (…) häufig; neuerdings selten“ schreibt Gauckler 1909 und in Hessen heißt es schon früher „bei Wiesbaden ist sie seit 30 Jahren (…) nicht mehr bemerkt worden und geht mit dem Verschwinden alter Eichenwälder dem Erlöschen entgegen“ (Rössler, 1866). Obwohl einige Autoren der Zeit ein Aussterben für unwahrscheinlich hielten und nur lokale Ereignisse verantwortlich machten, nahmen die Populationen über das frühe 20. Jahrhundert rapide ab und starben schließlich in den 70er Jahren aus. Das Habitat für Eriogaster rimicola bildeten lichte, wärmebegünstigte Eichenwälder. Dort entwickelten sich die Raupen wohl bevorzugt an buschigen, aber auch ausgewachsenen Eichen. Das Verschwinden geeigneter Lebensräume die wahrscheinlich vor allem durch heute nicht mehr praktizierte Waldweide (Hutewald) begünstigt wurden, dürfte der Hauptgrund für den abrupten Populationsrückgang sein. Auch im restlichen Verbreitungsgebiet, welches das Mittelmeergebiet und ehemals Mitteleuropa bis zum Schwarzen Meer umfasst, sind die Bestände stark zurückgegangen. Gründe sind hier die Umwandlung geeigneter Eichenwälder in Siedlungsgebiet, landwirtschaftliche Flächen oder stark forstlich genutzten Wald. Die Art ist dadurch weiter auf dem Rückzug. Dieses Schicksal teilt sich Eriogaster rimicola mit einer ihrer Schwesterarten Eriogaster catax. Auch wenn dieser noch Vorkommen in Deutschland halten konnte sind diese extrem verinselt und unmittelbar vom Aussterben bedroht.

  • Tiliacea sulphurago (Schwefel-Gelbeule)


    Letzter Nachweis: 1964


    Eine östlich verbreitete Art die hauptsächlich Feldahorn als Nahrungspflanze nutzt. Die Habitate sind wohl wärmebegünstigte, gehölzreiche Gebiete wie Heckenlandschaften und Waldmäntel. Laut Bergmann (1954) waren die Habitate in Thüringen: „Büsche und kleinere Bäume der Futterpflanze […] an frischen bis trockenen, mehr oder weniger schattigen Stellen in Waldstücken, Hainen, Feldgehölzen, an steinigen Hügeln, Hängen und Schluchten sowie an Steilstufen, Terassenhalden und Böschungen an Talrändern, in Anlagen und Gärten um Ruinen und altes Gemäuer auf felsigen Vorsprüngen und Sockeln an Berglehnen und Geländestufen“. Aus Deutschland gibt es nur vereinzelte Funde, die teilweise unsicher sind, da Xanthia icteritia und Tiliacea sulphurago für einige Zeit mit demselben Namen belegt waren (dass Acontia trabealis auch das Synonym Noctua sulphurea trägt hilft auch nicht wirklich). Die Art wird schon im 19. Jahrhundert als Seltenheit beschrieben, kam aber vermutlich in allen südlichen und mittleren Bundesländern vor. Der Grund für das Aussterben ist unbekannt, aber offenbar sind die Bestände Anfang des 20. Jahrhunderts plötzlich eingebrochen.


    Danke an Leo der dieses Foto aus Österreich zur Verfügung gestellt hat

  • Acossus terebra (Zitterpappelbohrer)


    Letzter Nachweis: vor 1900


    Acossus terebra kommt heute in Europa noch in den Pyrenäen, Alpen, Apeninnen, in Nord- und Osteuropa, sowie im östlichen Mitteleuropa vor. Die Raupen leben ähnlich wie bei Cossus cossus in Stämmen von Weichhölzern, jedoch offenbar ausschließlich in Zitterpappeln. Aus Deutschland gibt es nur einige wenige verifizierbare Funde aus den südlichen und einigen mittleren Bundesländern. Alle Nachweise stammen aus dem 19. Jahrhundert. Die Gründe des Aussterbens sind vollkommen unklar, vor allem da zur Ökologie der Art nach wie vor wenig bekannt ist. Das Habitat ist für Deutschland unbekannt, fast alle Funde waren Falter an Lichtquellen. Bergmann (1954) macht für die (allerdings fraglichen) Funde in Thüringen den starken Rückgang der „Espengehölze“ in „Feld- und Auengehölz“ verantwortlich. Eine Ansicht, welche die Autoren von Ebert (1994) nicht teilen möchten.

  • Amphipyra cinnamomea (Zimt-Glanzeule)


    Letzter Nachweis: 1881


    Diese Art kam in Deutschland nur im Süden in einigen wärmebegünstigten Regionen vor. Vor allem im Rheintal und Bodenseebecken waren anscheinend teils gute Populationsgrößen zu verzeichnen, auch wenn die Art nur sehr lokal vorkam. Caspari (1900) schreibt für Wiesbaden: „A. cinnamomea war in den 80er Jahren ziemlich häufig im Herbst zu fangen“. Offenbar kam es aber schon um 1890 zu starken und plötzlichen Populationseinbrüchen, sodass die Art Ende des 19. Jahrhunderts ausstarb (warum die letzte Meldung der Roten Liste auf 1881 datiert ist, ist mir unklar; Es gibt wohl noch Meldungen aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts). Die Gründe sind wie nicht zum ersten Mal in dieser Zusammenstellung unklar. Amphipyra cinnamomea lebt an Pappeln, vermutlich hauptsächlich in ausgedehnten Auenwäldern, obwohl auch Meldungen von Pappelalleen und im Umfeld von Städten existieren. Ich komme nicht umhin einen Zusammenhang mit der Zerstörung der Auwälder zu vermuten, da zum Beispiel der Zeitrahmen der Rheinbegradigung (begonnen schon 1817 aber erst um 1860 beendet) in die Zeit des Aussterbens fällt. Auch Populationseinbrüche im Rhônetal fallen in die Zeit von Arbeiten der Rhônekorrektur. Das ist aber nur eine nicht belegte Spekulation, da die genauen Habitate der Art nur ungenügend dokumentiert wurden.

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  • Zygaena cynarae franconica (Haarstrang-Widderchen)


    Letzter Nachweis: 1957


    Zygaena cynarae war in Deutschland nur im Süden in wenigen wärmebegünstigten Regionen wie dem Oberrheingraben und dem Maintal verbreitet. Die Nachvollziehbarkeit des ursprünglichen Verbreitungsgebietes ist erheblich erschwert durch eine Vermischung mit Zygaena ephialtes und die offenbar weit verbreitete Fundortfälschung der damals schon seltenen Art. Die deutschen Populationen werden als eigene Unterart (ssp. franconica) betrachtet, womit wir es hier erstmals mit dem traurigen Fall zu tun haben, dass tatsächlich eine ganze Unterart unwiederbringlich verschwunden ist.


    Zygaena cynarae ist disjunkt durch Mittel- und Südeuropa verbreitet, von Südfrankreich über die Alpen, an der Küste Dalmatiens und nördlich der Karpaten bis zur Krim. Dort jeweils in inselartigen Teilarealen, die vermutlich Überbleibsel einer postglazialen Einwanderung aus Refugien in Süd- und/oder Südosteuropa sind. Die Art besiedelt gebüschreiche Säume und Übergänge meist steppenartiger Habitate mit Vorkommen ihrer Futterpflanzen. In Mitteleuropa war dies ausschließlich der Berg-Haarstrang (Peucedanum oreoselinum), in Südfrankreich wird auch Peucedanum cervaria und im östlichen Verbreitungsgebiet auch Seseli libanotis genutzt. Das einzige gut dokumentierte Vorkommen (möglicherweise sogar das einzige) in Deutschland bei Mannheim war ein baumfreier Saum entlang einer Bahnstrecke, der locker mit Ginsterbüschen und großen Beständen von P. oreoselinum bestanden war. Der Saum lag innerhalb eines lichten Sandkiefernwalds auf den typischen Flugsanddünen der Region. Laut den ansässigen Entomologen, wurde das über 100 Jahre lang bekannte Vorkommen Mitte der 1950er Jahre durch Straßenbau und den Bau eines Gewerbegebiets, sowie Zuwachsen mit Bäumen und Gebüsch vernichtet. Die europäischen Populationen sind durch ihre lokalen und eng begrenzten Vorkommen weiter sehr gefährdet. Gerade durch solche kleinflächigen Biotopveränderungen und -zerstörungen. Insbesondere durch den Saumcharakter der Biotope ist Aufforstung, die weitverbreitete Zerstörung und Zurückdrängung solcher Saumstrukturen durch die intensive Landwirtschaft und Sukzession ein Problem. Die Habitate sind auch extrem durch Überbauung und Straßen(aus)bau gefährdet.

  • Panchrysia deaurata (Große Wiesenrauten-Goldeule)


    Letzter Nachweis: 1949


    In Deutschland nur aus den bayrischen Alpen bekannt. Die Art ist zumindest in West- und Mitteleuropa größtenteils in der montanen Stufe verbreitet. Die Raupen ernähren sich von Wiesenrauten-Arten (Thalictrum spp.) die in geschützten Bereichen von felsigen Hängen mit Bewuchs von Büschen oder sehr lichten Waldbereichen wachsen. Die Lebensräume werden in den Alpen durch Aufforstung, landwirtschaftliche Nutzung (Obst- und Weinbau) oder Bebauung vernichtet und verschwinden paradoxerweise gleichzeitig auch durch Verbuschung bei Nutzungsaufgabe (z.B. Aufgabe extensiver Weidehaltung). Die Art hat dadurch viele Habitate verloren und ist vermutlich deswegen schon Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland ausgestorben. Im Rest der Alpen sind noch lokale Vorkommen bekannt, auch wenn diese nach wie vor durch genannte Gründe unter Druck stehen.

  • Macaria carbonaria (Bärentrauben-Bänderspanner)


    Letzter Nachweis: 1949


    Eine arkto-alpin verbreitete Art, deren Verbreitungsgebiet sich zu großen Teilen mit ihrer Hauptnahrungspflanze der Echten Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi) überschneidet. In Deutschland ist sie nur an wenigen Fundorten in Schleswig-Holstein zwischen 1933 und 1949 nachgewiesen worden. Die Kontrolle der Fundorte ergab offenbar den Rückgang der Bestände von A. uva-ursi, welcher vermutlich zusammen mit anderen Beeinträchtigungen des Habitats zum Aussterben führte. Im benachbarten Dänemark gibt es noch Vorkommen von Macaria carbonaria in ausgedehnten Heidegebieten. Wie alle Arten der Heiden ist auch diese durch den stetigen Rückgang dieses Lebensraumes und die voranschreitende Degradierung weiter gefährdet. In den arktischen und alpinen Gebieten sieht die Situation wohl noch etwas besser aus. Offenbar sind leider aber auch in den Alpen aus ungeklärten Gründen starke Rückgänge der Populationen zu verzeichnen (siehe Beitrag von Thomas/vneaga).

  • Conistra veronicae (Eintönige Wintereule)


    Letzter Nachweis: 1969


    In Deutschland ist die Art nur aus den sehr wärmebegünstigten Gebieten der Rheinebene und dem Rhein-Nahegebiet bekannt. Die Raupen ernähren sich von Eichen-Arten (Quercus spp.). Im Rhein-Nahegebiet wurden trockenwarme Hänge mit „Buscheichenwald“ besiedelt und auch für das restliche Verbreitungsgebiet werden Steppenheiden und Trockenhänge mit lockerem Eichenbewuchs genannt. Die Habitate im Rheingraben sind unklar, es lässt sich Eichenjungaufwuchs auf Waldlichtungen und an Waldrändern vermuten. Im Rheingraben starb die Art schon um die Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhunderts aus, während sie sich im Rhein-Nahegebiet noch bis in die späten 60er Jahre in einem sehr kleinen Gebiet hielt. Die Gründe sind wieder einmal unklar, doch während sich Axel Steiner in Ebert (1997) wegen der wenig bekannten Ökologie der Art zu keiner Spekulation hinreißen lassen wollte, möchte ich das hier mal tun, da zumindest das Habitat außerhalb Baden-Württembergs etwas fassbarer ist. Es gibt mehrere Arten die Verbuschungs- und Versaumungsstadien besiedeln (z.B. Satyrium ilicis) und allesamt haben diese Arten Probleme, denn die natürliche Sukzession läuft immer seltener und auf immer kleineren Flächen von Anfang bis Ende ab. Heutzutage wird entweder das Endstadium erhalten, also Wälder werden als dunkle, geschlossene Hochwälder bewirtschaftet oder die Sukzession wird ganz aufgehalten durch intensive Weidehaltung oder jährliche Mahd. Zudem sind Arten die Sukzessionstadien besiedeln auf die ständige Verlagerung ihrer Populationen angewiesen, nämlich nach dort, wo Sukzession wieder von Anfang an vonstattengeht. Dafür sind aber in der Regel große Gebiete notwendig, in denen neue Habitate geschaffen werden und wieder verloren gehen. Daher ist Flächenverlust durch Bebauung und Äcker ein großes Problem. Auch Konzepte wie Waldweide wurden aufgegeben, was zum Verschwinden dieser Art beigetragen haben könnte. Eine ähnliche Situation hatten wir schon bei Eriogaster rimicola beschrieben, der ganz ähnliche Habitate besiedelt haben könnte.

  • Eupithecia breviculata (Bibernell-Berghaarstrang-Blütenspanner)


    Letzter Nachweis: 1973


    Eine hauptsächlich mediterran verbreitete Art (mit Ausnahme von Vorkommen in der Schweiz und Ungarn) die für Deutschland nur im äußersten Südwesten nachgewiesen wurde. Es existieren mehrere Meldungen ab 1931 vom Isteiner Klotz, aus dem Kaiserstuhlgebiet und vom Tuniberg. Eupithecia breviculata besiedelt nur äußerst wärmebegünstigte Trockenrasen und Halbtrockenrasen. Die Nahrungspflanzen sind im nördlichen Teil des Verbreitungsgebietes wohl hauptsächlich die Kleine Bibernelle (Pimpinella saxifraga) und der Berg-Haarstrang (Peucedanum oreoselinum), im restlichen Verbreitungsgebiet auch andere Doldenblütler. Es ist unklar warum die Art ausgestorben ist. Die klimatischen Veränderungen der letzten 50 Jahre, welche die Art eigentlich eher begünstigen sollten, sind wohl auszuschließen. Somit bleibt eigentlich nur die zunehmende Verinselung der Trockenrasengebiete z.B. durch Weinbau. Besonders am Isteiner Klotz sind die Trockenrasen doch mittlerweile nur noch sehr kleinflächig vorhanden. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass Eupithecia breviculata zumindest am Kaiserstuhl noch vorkommt und einfach nicht genügend danach gesucht wurde. Eupithecia-Arten sind nun sehr unauffällig (auch wenn E. breviculata vergleichsweise auffällig ist), haben meist nur kurze Flugzeiten und die Raupensuche praktiziert wohl kaum einer.

  • Calyptra thalictri (Wiesenrauten-Kapuzeneule)


    Letzter Nachweis laut Roter Liste: vor 1920

    Tatsächlich letzter Nachweis (mit Belegtier): 1983


    Über ganz Europa verbreitete Art, jedoch mit Schwerpunkt im Süden und fehlt im Nordwesten. Für Deutschland wurde sie nur im Nordosten gemeldet. Isolierte Vorkommen bei Magdeburg, im Harz und östlich von Braunschweig sind bekannt. Die Raupen leben an Wiesenrauten-Arten (Thalictrum spp.). Habitate sind verschiedene Wuchsorte der Wiesenrauten an Säumen und eng mit lichtem Wald verzahnten Strukturen von häufig felsigem Gelände oder steppenartigen Landschaften. Gefährdungsursachen sind der Lebensraumverlust durch das völlige Entfernen von Saumstrukturen, gleichzeitig aber auch das Zuwachsen lichter Waldstrukturen und -säume. Über das Zuwachsen und Verschwinden der Thalictrum-Bestände wurde auch beim Habitat des letzten Nachweises berichtet. Hier ein Lepiforums-Thread mit Informationen über den letzten deutschen Fund.

  • Pyrgus onopordi (Ambossfleck-Würfel-Dickkopffalter)


    Erster und gleichzeitig letzter Nachweis: 1928


    Eine zum Großteil im westlichen Mittelmeerraum verbreitete Art, die xerotherme, heiße Felshänge oder Magerrasen besiedelt. Nur zwei Funde sind für Deutschland auf der Schwäbischen Alb dokumentiert. Ob es sich dabei um eine verinselte Reliktpopulation oder gar die Reste einer einst größeren Population gehandelt hat, ist nicht mehr zu klären. Da die Art schwer von anderen Pyrgus-Arten zu unterscheiden ist, ist das durchaus vorstellbar. Zumindest ist die Bestimmung abgesichert und eine Verwechslung des Fundortes unwahrscheinlich. In der Schweiz gab es mehrere Reliktpopulationen die ebenso zum Großteil verschwunden sind, wobei für die verbleibenden Weinbau als Gefährdungsursache angeführt wird. Wolfgang Wagner (www.pyrgus.de) schreibt: „Für diese anspruchsvolle Art existieren heute kaum mehr potentielle Habitate in Mitteleuropa.“ Es ist damit zumindest nicht auszuschließen, dass die Art am Rand ihres Verbreitungsgebietes durch Habitatverlust in Folge von landwirtschaftlicher Nutzung zurückgedrängt wurde. Mangels belastbarer Daten sind aber ebenso klimatische oder andere Faktoren, die nicht auf anthropogene Einwirkung zurückgehen möglich.

  • Stegania dilectaria (Hain-Pappelspanner)


    Letzter Nachweis: 1902


    In Deutschland belegbar nur aus der Oberrheinebene bei Karlsruhe bekannt. Andere Fundmeldungen gehen vermutlich auf Verwechslungen mit Stegania trimaculata zurück die in der f. cognaria Stegania dilectaria sehr ähnlich sehen kann. Mehrere Exemplare wurden nur in den zwei Jahren 1901 und 1902 gefunden. Es gibt weder davor noch danach eindeutige Hinweise auf die Art. Stegania dilectaria besiedelt wärmebegünstigte Auenwälder mit großen Pappelbeständen, an denen die Raupe lebt. Auch diese Art ist eher östlich-kontinental bis Zentralasien und in Europa von Österreich ostwärts verbreitet. Über die Bodenständigkeit und Gründe des Aussterbens ist nichts bekannt. Eine Einwanderung darf jedoch aufgrund der geringen Mobilität und ohne andere nahegelegene Populationen der Art bezweifelt werden. Die naheliegenste Vermutung ist, dass die Art lange wegen ihrer Ähnlichkeit zu Stegania trimaculata übersehen wurde und bei ihrer Entdeckung schon durch den Rückgang der Auwälder im Oberrheingebiet (siehe auch Amphipyra cinnamomea) im Aussterben begriffen war. Warnecke (1923) schreibt zu S. dilectaria und S. trimaculata in Deutschland „Offenbar sind die beiden Arten aber weiter verbreitet und bisher nur übersehen“. Eine Einschätzung die sicher trotz der Fehlbestimmungen zugetroffen haben mag, betrachtet man das heutige doch noch vergleichsweise ausgedehnte Verbreitungsgebiet von Stegania trimaculata (abgesehen davon das S. trimaculata auch eine gewisse Arealerweiterung zugesagt wird).


    Danke an Leo der dieses Foto aus Österreich zur Verfügung gestellt hat

  • Ocneria rubea (Rostspinner)


    Letzter Nachweis: 1898


    Wieder eine mediterran verbreitete Art die in Mitteleuropa nur Verbreitungsinseln in wärmebegünstigten Gebieten aufrecht erhält. Bis kurz vor Anfang des 20. Jahrhunderts bestand noch ein isoliertes Vorkommen im Mittelrhein-Nahe-Gebiet. Dort wurden trockenwarme Eichenwälder besiedelt, an deren Eichen die Raupen leben. Im Mittelmeerraum dienen auch andere Bäume und Sträucher der Macchia als Nahrung wie z.B. Erica arborea, Arbutus spp. oder Pistacia spp. Die Beschreibung des Habitats als „Buscheichenwald“ ähnelt sehr derer der Habitate von Conistra veronicae und Eriogaster rimicola, die im selben Gebiet vorkamen und welche beide schon besprochen wurden. Es ist daher anzunehmen, dass alle drei Arten aus ähnlichen Gründen durch Lebensraumverlust ausstarben.



    Danke an Leo der diese Fotos aus Österreich zur Verfügung gestellt hat

  • https://www.exotic-insects.com
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  • Diacrisia metelkana (Sumpfbär)


    Letzter Nachweis: 1972


    Diese Art besiedelt ausgedehnte Sumpfgebiete, Niedermoore und Flussdeltas des Flachlands und kam ursprünglich von der französischen Atlantikküste ostwärts durch Mitteleuropa bis zur Krim vor. Diacrisia metelkana ist insgesamt eher östlich bis nach Sibirien verbreitet. Die einzigen Nachweise Deutschlands sind Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in Brandenburg südlich von Berlin belegt. Immerhin waren zu diesem Zeitpunkt wohl die meisten Populationen in Frankreich schon erloschen. Dort wurden Sümpfe in Flusstälern entlang der Vesle bei Reims und Sümpfe nahe der Atlantikküste von Aquitanien und im Departement Deux-Sèvres besiedelt. Heute sind die wohl schon immer relativ lokalen und reliktischen Populationen in fast ganz Europa ausgestorben oder stark zusammengeschrumpft. Nur noch im Donaudelta Rumäniens sind große Populationen erhalten geblieben. In Ungarn und im kroatischen Neretva-Delta existieren noch weitere Vorkommen und auch in Nordostpolen wurde noch ein Vorkommen entdeckt. Die Art ist jedenfalls schon seit langem in Europa auf dem Rückzug, sodass ich die Ansicht mancher, dass die deutschen Populationen nur temporär etablierte Ausläufer östlicher Populationen gewesen sein sollen, nicht nachvollziehen kann. Zudem scheint Diacrisia metelkana generell leicht übersehen zu werden, da ihre Habitate oft sehr unzugänglich sind und die Flugzeit recht kurz ist. So wurden die Populationen in Kroatien erst 1997, in Polen sogar erst 2002 entdeckt. Ausgebreitet hat sich die Art sicher schon seit spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr, denn sie wurde in Europa massiv durch die Entwässerung und Nutzbarmachung der Sumpfgebiete zurückgedrängt. Viele Schwemmebenen großer Flüsse wurden mit Kanälen und Entwässerungsgräben durchzogen und die trockengefallenen Flächen landwirtschaftlich genutzt. Die höhere Fließgeschwindigkeit des Wassers ermöglichte dann auch keine uferbegleitenden Feuchtgebiete oder Überschwemmungszonen mehr. Was für Hochwasser- wie Artenschutz eine Katastrophe darstellt, nimmt Diacrisia metelkana den Lebensraum, denn die Raupen leben an extrem nassen Stellen an verschiedenen hygrophilen, krautigen Pflanzen. Vor allem an Schwertlilien (Iris spp.) und wohl teilweise sogar an Wasserpflanzen wie der Weißen Seerose (Nymphaea alba). Leider ist zu befürchten, dass auch die Schwemmebenen und Deltas osteuropäischer Flüsse noch ähnliches erleiden müssen, sind sie bis jetzt wegen ihrer Unzugänglichkeit noch erhalten geblieben. Es bleibt zu hoffen, dass dort großflächige Schutzgebiete eingerichtet werden, ansonsten sieht die Zukunft vieler Arten, wie auch die von Diacrisia metelkana, in Europa düster aus. Wen Französisch nicht abschreckt der kann hier eine sehr detaillierte Zusammenfassung der Funde, Fundorte und Entwicklung der Art in Frankreich und Europa lesen.

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